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Literarischer Adventskalender 2009

23

23. Dezember

Detlev von Liliencron (1844-1909)

Die Legende vom heiligen Nikolaus

Nach dem französischen Urtext

Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.
Sie kamen abends an eines Schlachters Bank:
Wir sind hungrig und müd, gib uns Speis und Trank.
Nur herein, lieben Kinder, herein zu mir,
Hier findet ihr alles, auch Nachtquartier.

Kaum sind sie bei ihm und warten auf Brot,
Da schlägt sie der Schlachter mausetot
Und zerhackt sie in viele Stücke klein
Und pökelt sie wie Ferkelfleisch ein.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.

Nach sieben Jahren ging Sankt Nikolaus
In diese selbe Gegend hinaus.
Er kam vorbei an des Schlachters Bank:
Ich bin hungrig und müd, gib mir Speis und Trank.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.

Tritt ein, heiliger Nikolaus, tritt ein,
Hier findest du alles, auch Brot und Wein.
Der heilige Nikolaus hat sich kaum gesetzt,
Da hat er am Brot sein Messer gewetzt.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.

Gib mir von deinem Pökelfleisch zart,
Das dort sieben Jahre schon liegt verwahrt.
Kaum hat der Schlachter gehört dies Wort,
Läuft er stracks aus seiner Ladentür fort.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.

Aber Schlachter, Schlachter, lauf doch nicht,
Gott verzeiht ja dem reuigen Bösewicht
Sankt Nikolaus setzt an das Faß sich hin,
Wo rosig das Pökelfleiich lagerte drin.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ahrenlesen ins Feld.

Hört, ihr Knaben, ihr schlieft nun aus,
Ich bin der große Sankt Nikolaus.
Und der Heilige hob drei Finger baß,
Da sprangen die Drei heraus aui dem Faß.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.

Der erste spricht: Wie schlief ich gut.
Der zweite: Auch ich hab sanft geruht.
Und der dritte Dreikäsehoch, gähnt und sagt dies:
Mir träumte, ich war im Paradies.
Es waren einmal drei Kinder auf der Welt,
Die gingen zum Ährenlesen ins Feld.



Carl Spitteler (1845-1924)

Die Schneekönigin

Es kam einmal vom Himmel her ein Schlitten rot und weiß,
Vom Christkind unverhofft gebracht zum Lohn für Gerdas Fleiß.

Sie zählte schon das Einmaleins und schrieb das ABC.
Und jeden Morgen spähte sie nach dem ersehnten Schnee.

Heut' stürmt sie nach dem Tannenrain, in Pelze eingehüllt,
Das Ohr mit weisem Mahnungswort, das Herz mit Glück gefüllt.

Schon sitzt sie; schaut sich trotzig um: "Achtung! Hurra! aus Weg!"
O weh, das steife Fuhrwerk bockt im Zickzack krumm und schräg.

Mit offnem Mund keucht sie heran, versucht's zum andern Mal.
Der Schlitten stolpert links und rechts, doch gleitet nie zu Tal.

Inzwischen dunkelt's im Zenit. Ein flaumig Flockenheer
flüstert vom Himmel leis herab; und einsam wird's umher.

Ihr wird so bang, ihr wird so kalt; das Weinen steht ihr nah.
Und müder stets und matter tönt ihr klägliches Hurra.

Sieh da, was blinkt und schimmert dort im Tannendickicht? Schau,
Auf einem moosbewachsnen Strunk sitzt eine hehre Frau,

Ihr Königsmantel blank und rein, mit Hermlin bestickt.
"Soll ich Dir helfen, gutes Kind?" versetzt sie. Gerda nickt.

Sie nimmt das Mädchen auf den Schoß, fein sanft und warm gewiegt.
Juch, wie mit lust'gem Federschwung der Schlitten talwärts fliegt!

Verschwunden ist die Müdigkeit, das Auge jauchzt und strahlt.
Und unversehen glänzt die Welt mit Märchenschein bemalt.

Es lebt der Wald, es singt die Luft, so hold man glaubt es kaum.
Diamanten sprüht das Gletscherfeld und Sterne sprießt der Baum.

"Gerda!" erscholl der Mutter Ruf. Sie hört es mit Verdruß;
Die Frau erschrickt, erhebt sich, flieht nach einem kurzen Kuß.

- Nach sieben Tagen blies der Föhn vom Berge lau und lind.
Was weinen und was wimmern die Glocken so durch den Wind?

Schulmädchen folgen einem Sarg, den Wagen lenkt der Tod.
Verlassen steht im Kämmerlein der Schlitten weiß und rot.

Ein grünes Kränzlein liegt darauf mit einem Bibelspruch.
Und ewig klafft im Einmaleins ein ungelöster Bruch.


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