Startseite Sitemap Impressum/ Kontakt


online-korrektor.de - Professionelles Korrektorat und Lektorat

literaturwelt.com

Johann Wolfgang von Goethe

Prometheus

    Bedecke deinen Himmel, Zeus,
   Mit Wolkendunst
   Und übe, dem Knaben gleich,
   Der Disteln köpft
5  An Eichen dich und Bergeshöhn;
   Mußt mir meine Erde
   Doch lassen stehn,
   Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
   Und meinen Herd,
10  Um dessen Glut
   Du mich beneidest.
  
Ich kenne nichts ärmeres
   Unter der Sonn' als euch, Götter!
   Ihr nähret kümmerlich
15  Von Opfersteuern
   Und Gebetshauch
   Eure Majestät,
   Und darbtet, wären
   Nicht Kinder und Bettler
20  Hoffnungsvolle Toren.
  
Da ich ein Kind war,
   Nicht wußte wo aus noch ein,
   Kehrt' ich mein verirrtes Auge
   Zur Sonne, als wenn drüber wär'
25  Ein Ohr zu hören meine Klage,
   Ein Herz wie mein's,
   Sich des Bedrängten zu erbarmen.
  
Wer half mir
   Wider der Titanen Übermut?
30  Wer rettete vom Tode mich
   Von Sklaverei?
   Hast du nicht alles selbst vollendet,
   Heilig glühend Herz?
   Und glühtest jung und gut,
35  Betrogen, Rettungsdank
   Dem Schlafenden da droben?
  
Ich dich ehren? Wofür?
   Hast du die Schmerzen gelindert
   Je des Beladenen?
40  Hast du die Tränen gestillet
   Je des Geängsteten?
   Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
   Die allmächtige Zeit
   Und das ewige Schicksal,
45  Meine Herrn und deine?
  
Wähntest du etwa,
   Ich sollte das Leben hassen,
   In Wüsten fliehen,
   Weil nicht alle
50  Blütenträume reiften?
  
Hier sitz' ich, forme Menschen
   Nach meinem Bilde,
   Ein Geschlecht das mir gleich sei,
   Zu leiden, zu weinen,
55  Zu genießen und zu freuen sich,
   Und dein nicht zu achten,
   Wie ich!

(1785)



« zurück zu Werktexte