Sonntag, September 27, 2020

Das Firmament – Barthold Heinrich Brockes

Autor: Barthold Heinrich Brockes
Werk:
Das Firmament
Jahr: 1721

Als jüngst mein Auge sich in die saphirne Tiefe,
Die weder Grund, noch Strand, noch Ziel, noch End‘ umschränkt,
Ins unerforschte Meer des hohlen Luftraums senkt‘,
Und mein verschlungener Blick bald hie bald dahin liefe,
Doch immer tiefer sank, entsatzte sich mein Geist,
Es schwindelte mein Aug‘, es stockte meine Seele
Ob der unendlichen, unmäßig-tiefen Höhle,
Die, wohl mit Recht, ein Bild der Ewigkeiten heißt,
So nur aus Gott allein, ohn‘ End‘ und Anfang stammen.
Es schlug des Abgrunds Raum, wie eine dicke Flut
Des bodenlosen Meers auf sinkend Eisen tut,
In einem Augenblick auf meinem Geist zusammen.
Die ungeheure Gruft voll unsichtbarem Lichts,
Voll lichter Dunkelheit, ohn‘ Anfang, ohne Schranken,
Verschlang sogar die Welt, begrub selbst die Gedanken;
Mein ganzes Wesen ward ein Staub, ein Punkt, ein Nichts,
Und ich verlor mich selbst. Dies schlug mich plötzlich nieder;
Verzweiflung drohete der ganz verwirrten Brust:
Allein, o heilsams Nichts! glückseliger Verlust!
Allgegenwärt’ger Gott, in Dir fand ich mich wieder.

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