Sonntag, September 27, 2020

Das Norder-Licht – Barthold Heinrich Brockes

Autor: Barthold Heinrich Brockes
Werk:
Das Norder-Licht

Wie ist es doch so hell? Was ist es für ein Licht,
Das, da der Mond nicht scheint, durch dunkle Schatten bricht?
So dacht‘ ich, als ich jüngst, fast mitten in der Nacht,
Aus meinem Fenster sah. Doch wie ward mir zu Muth,
Als mein bestürzter Blick sich in die Höhe zog,
Und, daß ein‘ allgemeine Gluth
Durcha alle Himmels-Theile flog,
Recht mein Entsetzen fand!

Oft fliegt ein schneller Rauch, oft läßt’s, als ob von Schnee
Ich, streifen-weiß, ein dünn Gestöber seh‘.
Es blitzt‘, es strahlt‘, es schoß
Ein wildes Feuer durchs ganze Firmament.
Ein wallend Flammen-Meer ergoß,
Mit eindem dicken Schwall,
Sich, wie ein Blitz, oft überall.
Oft schien die schnelle Fluth zertrenntv In großen Strömen fortzueilen;
Bald waren Gluth und Fluth verschwunden;
Die aber, wie der Blitz, geschwind aufs neu entstunden,
Aufs neue wüteten, mit Strahl- und Feuer-Pfeilen
Begleitet und vermengt. Ein fürchterliches Wittern,
Ein unbeschreiblich streng, oft wiederholtes, Zittern
Erschütterte, nebst allen Himmels-Theilen,
Auch mein beklemmendes Herz. Denn ob mir gleich der Brand,
Daß es das Norder-Licht, nicht unbekannt;
So war jedoch das strahlende Bewegen
Des ganzen Firmaments so heftig, daß ich mich
Zu dencken, wie hier folgt, nicht konnt‘ entlegen:

Wie ist mir? schwindelt mir? zerheilet sich, zerfällt
Der ganze Bau der Ober-Welt?

Lodernde Flammen mit wallenden Blitzen
Fliegende Düfte, voll strahlender Spitzen,
Zirckeln sich, wirbeln sich, schießen zusammen;
Leuchten und Schrecken, verschwinden, entstehn,
Wallen und wittern, erscheinen, vergehn.

Allein,
Dort zeigt sich gar ein bunter Blitz und Schein.
Gelb, feurig, grün und blau
Färbt sich ein Flammen-Heer.
Es schrecket und ergetzt zugleich die bunte Gluth.
Recht wie die Wellen sich, in einer wilden Fluth,
Bestürmen, fressen und verdringen;
So sieht man hier, im bunten Feuer-Meer,
Die regen Flammen sich verschlingen.

Was aber mag doch wohl der Schein
Recht eigentlich, und was die Ursach‘ seyn?
Auf! auf! mein Geist, du mußt dich aufwärts schwingen!
Bestrebe dich, mit Ehrfurcht in die Tiefe.
Der wirckenden Natur zu dringen,
Zu unsers Schöpfers Preis‘; um auch in diesen Dingen
Sein‘ Allmacht, seine Lieb‘ und Weisheit zu besingen.
Dieß wird, wenn auch ein Fehl mit unterliefe,
Ihm hoffentlich doch nicht zuwider seyn.

Es scheinet zwar von dießem Luft-Gesichte,
Worauf ich nun mein Denken richte,
Die Ursach‘ dieße: Wenn die Nacht
Auch noch so schwarz, so dunckel und so dicht;
So ist dennoch, vom Sonnen-Licht
Und ihrer immer hellen Pracht,
Das ganze Firmament beständig angefüllt:
Ob gleich der Schatten unsrer Erden,
Der, durch die Dichtigkeit derselben, uns umhüllt,
Das Licht nicht lasset sichtbar werden,
Als welches, sondern Gegenschlag,
Auf unser Aug‘ zu wirken nicht vermag.
Daher nun kommt es mir
Nicht unwahrscheinlich für,
Daß etwa Dünste sich zu solcher Höh‘ geschwungen,
Daß sie den Schatten durchgedrungen,
Den unser Erd-Kreis macht; wodurch sie, von dem Schein
Des Sonnen-Lichts so dann getroffen, sichtbar seyn.

Allein,
Weil dieses gar zu fern, fällt mir ein‘ Ursach‘ ein,
Die näher ist. Vielleicht kann dieses Licht entstehen
aus Dünsten, die voll Salz, und die den Theilchen gleich,
Die wir im saltzen Wassser-Reich
Im Dunckeln schimmern sehen.
Des Windes Heftigkeit, die sie zusammen treibet,
Und dadurch an einander reibet,
Verrichtet das vielleicht, was in des Meeres Fluth,
durch strengen Druck, ein Ruder thut.
Daß aber diese Gluth so schnell, so heftig gehet,
Kommt sonder Zweifel wohl daher,
Daß in dem großen Raum, wo alles Leer,
Nichts ihrem Triebe wiederstehet.

Wer weis, ob aus dem Nord-Pol nicht
Ein Duft-Fluß unaufhörlich bricht,
Und um den Kreis der Erden fließet?
Der (wie man am Magnete sieht,
Den man in Loder-Asche leget,
Um den die Asche sich beweget,
Und gleichsam ost- und west-wärts flieht)
Beständig ost- und west-wärts schießet;
Und daß, nur zu gewisser Zeit,
Und Umstand, in der Luft, der Duft zur Sichtbarkeit,
Durchs Sonnen-Licht bestrahlt, gelange.

Auf’s mind’ste giebt es uns mit Recht zu überlegen,
Was für Veränd’rungen, was für Bewegen
Oft in der Luft gewircket werden müssen,
Wovon wir hier nicht das geringste wissen.

Jedoch, es sey auch, was es sey,
hat jemand bessere Gedancken,
So stimm‘ ich ihnen gerne bey:
Es ist mein End-Zweck nicht, zu zancken;
Nein, sondern aus dem Glantz, den wir im Norder-Licht schauen,
Nebst andern, mich, zum Ruhm des Schöpfers, zu erbauen.

Unglaublich ist, was diese Norder-Fluth
Für Nutzen und für Dienst, im duncklen Norden thut.
Da in den langen Finsternissen
Die Menschen heller noch, als wie vom Monden-Schein,
Durch dieses Luft-Gesicht, erleuchtet seyn.

Wer wird auf’s neu hieraus nicht anerkennen müssen,
Daß eine weise Macht den Bau der Welt formiert;
Daß eine weise Macht denselben noch regiert;
Und daß, wenn wir als Menschen leben wollen,
Wir diese weise Macht, voll Andacht, preisen sollen?

Wir lassen denn zugleich, da wir die Wahrheit finden,
Bey dieser nützlichen und schönen Norder-Gluth
Mit Recht forthin den eitlen Schrecken schwinden,
Und loben den, der in der Lüfte Gründen,
Auf Erden, in des Meeres Fluth,
An allen Enden Wunder thut.
Doch wollen wir zugleich die Macht des Herrn der Sternen,
Bey solchen Wundern, fürchten lernen.

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