Mittwoch, Dezember 2, 2020

Ideal und Wirklichkeit – Kurt Tucholsky

Autor: Kurt Tucholsky
Werk: Ideal und Wirklichkeit

   In stiller Nacht und monogamen Betten
  denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
  Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
  was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
5    Du präparierst dir im Gedankengange
     das, was du willst – und nachher kriegst das nie …
     Man möchte immer eine große Lange,
     und dann bekommt man eine kleine Dicke –
        C’est la vie -!
10 
Sie muß sich wie in einem Kugellager
  in ihren Hüften biegen, groß und blond.
  Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,
  wer je in diesen Haaren sich gesonnt …
     Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
15    der Eile und der Phantasie.
     Man möchte immer eine große Lange,
     und dann bekommt man eine kleine Dicke –
        Ssälawih -!
  
Man möchte eine helle Pfeife kaufen
20 Und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
  Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
  und tut es nicht. Beinah … beinah …
     Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
     an eine Republik … und nun ists die!
25    Man möchte immer eine große Lange,
     und dann bekommt man eine kleine Dicke –
        Ssälawih -!

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