Dienstag, Oktober 20, 2020

Willkommen und Abschied – Johann Wolfgang von Goethe

Autor: Johann Wolfgang von Goethe
Werk:
Willkommen und Abschied


   Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
  Es war getan fast eh gedacht.
  Der Abend wiegte schon die Erde,
  Und an den Bergen hing die Nacht;
5 Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
  Ein aufgetürmter Riese, da,
  Wo Finsternis aus dem Gesträuche
  Mit hundert schwarzen Augen sah.
  
Der Mond von einem Wolkenhügel
10 Sah kläglich aus dem Duft hervor,
  Die Winde schwangen leise Flügel,
  Umsausten schauerlich mein Ohr;
  Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
  Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
15 In meinen Adern welches Feuer!
  In meinem Herzen welche Glut!
  
Dich sah ich, und die milde Freude
  Floß von dem süßen Blick auf mich;
  Ganz war mein Herz an deiner Seite
20 Und jeder Atemzug für dich.
  Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
  Umgab das liebliche Gesicht,
  Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
  ich hofft es, ich verdient es nicht!
25 
Doch ach, schon mit der Morgensonne
  Verengt der Abschied mir das Herz:
  In deinen Küssen welche Wonne!
  In deinem Auge welcher Schmerz!
  Ich ging, du standst uns sahst zu Erden,
30 Und sahst mir nach mit nassem Blick:
  Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
  Und lieben, Götter, welch ein Glück!

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