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Rainer Maria Rilke

Sonette an Orpheus

Geschrieben als ein Grab-Mal für Wera Ouckama Knoop

Château de Muzot im Februar 1922

Erster Teil

Zweiter Teil


Erster Teil

^
I
  • Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!
  • O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!
  • Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung
  • ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.
  • Tiere aus Stille drangen aus dem klaren
  • gelösten Wald von Lager und Genist;
  • und da ergab sich, daß sie nicht aus List
  • und nicht aus Angst in sich so leise waren,
  • sondern aus Hören. Brüllen, Schrei, Geröhr
  • schien klein in ihren Herzen. Und wo eben
  • kaum eine Hütte war, dies zu empfangen,
  • ein Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen
  • mit einem Zugang, dessen Pfosten beben, –
  • da schufst du ihnen Tempel im Gehör.
^
II
  • Und fast ein Mädchen wars und ging hervor
  • aus diesem einigen Glück von Sang und Leier
  • und glänzte klar durch ihre Frühlingsschleier
  • und machte sich ein Bett in meinem Ohr.
  • Und schlief in mir. Und alles war ihr Schlaf.
  • Die Bäume, die ich je bewundert, diese
  • fühlbare Ferne, die gefühlte Wiese
  • und jedes Staunen, das mich selbst betraf.
  • Sie schlief die Welt. Singender Gott, wie hast
  • du sie vollendet, daß sie nicht begehrte,
  • erst wach zu sein? Sieh, sie erstand und schlief.
  • Wo ist ihr Tod? O, wirst du dies Motiv
  • erfinden noch, eh sich dein Lied verzehrte? –
  • Wo sinkt sie hin aus mir? ... Ein Mädchen fast ...
^
III
  • Ein Gott vermags. Wie aber, sag mir, soll
  • ein Mann ihm folgen durch die schmale Leier?
  • Sein Sinn ist Zwiespalt. An der Kreuzung zweier
  • Herzwege steht kein Tempel für Apoll.
  • Gesang, wie du ihn lehrst, ist nicht Begehr,
  • nicht Werbung um ein endlich noch Erreichtes;
  • Gesang ist Dasein. Für den Gott ein Leichtes.
  • Wann aber sind wir? Und wann wendet er
  • an unser Sein die Erde und die Sterne?
  • Dies ists nicht, Jüngling, daß du liebst, wenn auch
  • die Stimme dann den Mund dir aufstößt, – lerne
  • vergessen, daß du aufsangst. Das verrinnt.
  • In Wahrheit singen, ist ein andrer Hauch.
  • Ein Hauch um nichts. Ein Wehn im Gott. Ein Wind.
^
IV
  • O ihr Zärtlichen, tretet zuweilen
  • in den Atem, der euch nicht meint,
  • laßt ihn an eueren Wangen sich teilen,
  • hinter euch zittert er, wieder vereint.
  • O ihr Seligen, o ihr Heilen,
  • die ihr der Anfang der Herzen scheint.
  • Bogen der Pfeile und Ziele von Pfeilen,
  • ewiger glänzt euer Lächeln verweint.
  • Fürchtet euch nicht zu leiden, die Schwere,
  • gebt sie zurück an der Erde Gewicht;
  • schwer sind die Berge, schwer sind die Meere.
  • Selbst die als Kinder ihr pflanztet, die Bäume,
  • wurden zu schwer längst; ihr trüget sie nicht.
  • Aber die Lüfte ... aber die Räume ...
^
V
  • Errichtet keinen Denkstein. Laßt die Rose
  • nur jedes Jahr zu seinen Gunsten blühn.
  • Denn Orpheus ists. Seine Metamorphose
  • in dem und dem. Wir sollen uns nicht mühn
  • um andre Namen. Ein für alle Male
  • ists Orpheus, wenn es singt. Er kommt und geht.
  • Ists nicht schon viel, wenn er die Rosenschale
  • um ein paar Tage manchmal übersteht?
  • O wie er schwinden muß, daß ihrs begrifft!
  • Und wenn ihm selbst auch bangte, daß er schwände
  • Indem sein Wort das Hiersein übertrifft,
  • ist er schon dort, wohin ihrs nicht begleitet.
  • Der Leier Gitter zwängt ihm nicht die Hände.
  • Und er gehorcht, indem er überschreitet.
^
VI
  • Ist er ein Hiesiger? Nein, aus beiden
  • Reichen erwuchs seine weite Natur.
  • Kundiger böge die Zweige der Weiden,
  • wer die Wurzeln der Weiden erfuhr.
  • Geht ihr zu Bette, so laßt auf dem Tische
  • Brot nicht und Milch nicht; die Toten ziehts –.
  • Aber er, der Beschwörende, mische
  • unter der Milde des Augenlids
  • ihre Erscheinung in alles Geschaute;
  • und der Zauber von Erdrauch und Raute
  • sei ihm so wahr wie der klarste Bezug.
  • Nichts kann das gültige Bild ihm verschlimmern;
  • sei es aus Gräbern, sei es aus Zimmern,
  • rühme er Fingerring, Spange und Krug.
^
VII
  • Rühmen, das ists! Ein zum Rühmen Bestellter,
  • ging er hervor wie das Erz aus des Steins
  • Schweigen. Sein Herz, o vergängliche Kelter
  • eines den Menschen unendlichen Weins.
  • Nie versagt ihm die Stimme am Staube,
  • wenn ihn das göttliche Beispiel ergreift.
  • Alles wird Weinberg, alles wird Traube,
  • in seinem fühlenden Süden gereift.
  • Nicht in den Grüften der Könige Moder
  • straft ihm die Rühmung lügen, oder
  • daß von den Göttern ein Schatten fällt.
  • Er ist einer der bleibenden Boten,
  • der noch weit in die Türen der Toten
  • Schalen mit rühmlichen Früchten hält.
^
VIII
  • Nur im Raum der Rühmung darf die Klage
  • gehn, die Nymphe des geweinten Quells,
  • wachend über unserm Niederschlage,
  • daß er klar sei an demselben Fels,
  • der die Tore trägt und die Altäre. –
  • Sieh, um ihre stillen Schultern früht
  • das Gefühl, daß sie die jüngste wäre
  • unter den Geschwistern im Gemüt.
  • Jubel weiß, und Sehnsucht ist geständig,
  • nur die Klage lernt noch; mädchenhändig
  • zählt sie nächtelang das alte Schlimme.
  • Aber plötzlich, schräg und ungeübt,
  • hält sie doch ein Sternbild unsrer Stimme
  • in den Himmel, den ihr Hauch nicht trübt.
^
XI
  • Nur wer die Leier schon hob
  • auch unter Schatten,
  • darf das unendliche Lob
  • ahnend erstatten.
  • Nur wer mit Toten vom Mohn
  • aß, von dem ihren,
  • wird nicht den leisesten Ton
  • wieder verlieren.
  • Mag auch die Spieglung im Teich
  • oft uns verschwimmen:
  • Wisse das Bild.
  • Erst in dem Doppelbereich
  • werden die Stimmen
  • ewig und mild.
^
X
  • Euch, die ihr nie mein Gefühl verließt,
  • grüß ich, antikische Sarkophage,
  • die das fröhliche Wasser römischer Tage
  • als ein wandelndes Lied durchfließt.
  • Oder jene so offenen, wie das Aug
  • eines frohen erwachenden Hirten,
  • – innen voll Stille und Bienensaug –
  • denen entzückte Falter entschwirrten;
  • alle, die man dem Zweifel entreißt,
  • grüß ich, die wiedergeöffneten Munde,
  • die schon wußten, was schweigen heißt.
  • Wissen wirs, Freunde, wissen wirs nicht?
  • Beides bildet die zögernde Stunde
  • in dem menschlichen Angesicht.
^
XI
  • Sieh den Himmel. Heißt kein Sternbild „Reiter“?
  • Denn dies ist uns seltsam eingeprägt:
  • dieser Stolz aus Erde. Und ein Zweiter,
  • der ihn treibt und hält und den er trägt.
  • Ist nicht so, gejagt und dann gebändigt,
  • diese sehnige Natur des Seins?
  • Weg und Wendung. Doch ein Druck verständigt.
  • Neue Weite. Und die zwei sind eins.
  • Aber sind sie's? Oder meinen beide
  • nicht den Weg, den sie zusammen tun?
  • Namenlos schon trennt sie Tisch und Weide.
  • Auch die sternische Verbindung trügt.
  • Doch uns freue eine Weile nun
  • der Figur zu glauben. Das genügt.
^
XII
  • Heil dem Geist, der uns verbinden mag;
  • denn wir leben wahrhaft in Figuren.
  • Und mit kleinen Schritten gehn die Uhren
  • neben unserm eigentlichen Tag.
  • Ohne unsern wahren Platz zu kennen,
  • handeln wir aus wirklichem Bezug.
  • Die Antennen fühlen die Antennen,
  • und die leere Ferne trug ...
  • Reine Spannung. O Musik der Kräfte!
  • Ist nicht durch die läßlichen Geschäfte
  • jede Störung von dir abgelenkt?
  • Selbst wenn sich der Bauer sorgt und handelt,
  • wo die Saat in Sommer sich verwandelt,
  • reicht er niemals hin. Die Erde schenkt.
^
XIII
  • Voller Apfel, Birne und Banane,
  • Stachelbeere ... Alles dieses spricht
  • Tod und Leben in den Mund ... Ich ahne ...
  • Lest es einem Kind vom Angesicht,
  • wenn es sie erschmeckt. Dies kommt von weit.
  • Wird euch langsam namenlos im Munde?
  • Wo sonst Worte waren, fließen Funde,
  • aus dem Fruchtfleisch überrascht befreit.
  • Wagt zu sagen, was ihr Apfel nennt.
  • Diese Süße, die sich erst verdichtet,
  • um, im Schmecken leise aufgerichtet,
  • klar zu werden, wach und transparent,
  • doppeldeutig, sonnig, erdig, hiesig –:
  • O Erfahrung, Fühlung, Freude –, riesig!
^
XIV
  • Wir gehen um mit Blume, Weinblatt, Frucht.
  • Sie sprechen nicht die Sprache nur des Jahres.
  • Aus Dunkel steigt ein buntes Offenbares
  • und hat vielleicht den Glanz der Eifersucht
  • der Toten an sich, die die Erde stärken.
  • Was wissen wir von ihrem Teil an dem?
  • Es ist seit lange ihre Art, den Lehm
  • mit ihrem freien Marke zu durchmärken.
  • Nun fragt sich nur: tun sie es gern? ...
  • Drängt diese Frucht, ein Werk von schweren Sklaven,
  • geballt zu uns empor, zu ihren Herrn?
  • Sind sie die Herrn, die bei den Wurzeln schlafen,
  • und gönnen uns aus ihren Überflüssen
  • dies Zwischending aus stummer Kraft und Küssen?
^
XV
  • Wartet ..., das schmeckt ... Schon ists auf der Flucht.
  • ... Wenig Musik nur, ein Stampfen, ein Summen –:
  • Mädchen, ihr warmen, Mädchen, ihr stummen,
  • tanzt den Geschmack der erfahrenen Frucht!
  • Tanzt die Orange. Wer kann sie vergessen,
  • wie sie, ertrinkend in sich, sich wehrt
  • wider ihr Süßsein. Ihr habt sie besessen.
  • Sie hat sich köstlich zu euch bekehrt.
  • Tanzt die Orange. Die wärmere Landschaft,
  • werft sie aus euch, daß die reife erstrahle
  • in Lüften der Heimat! Erglühte, enthüllt
  • Düfte um Düfte. Schafft die Verwandtschaft
  • mit der reinen, sich weigernden Schale,
  • mit dem Saft, der die glückliche füllt!
^
XVI
  • Du, mein Freund, bist einsam, weil ...
  • Wir machen mit Worten und Fingerzeigen
  • uns allmählich die Welt zu eigen,
  • vielleicht ihren schwächsten, gefährlichsten Teil.
  • Wer zeigt mit Fingern auf einen Geruch? –
  • Doch von den Kräften, die uns bedrohten,
  • fühlst du viele ... Du kennst die Toten,
  • und du erschrickst vor dem Zauberspruch.
  • Sieh, nun heißt es zusammen ertragen
  • Stückwerk und Teile, als sei es das Ganze.
  • Dir helfen, wird schwer sein. Vor allem: pflanze
  • mich nicht in dein Herz. Ich wüchse zu schnell.
  • Doch meines Herrn Hand will ich führen und sagen:
  • Hier. Das ist Esau in seinem Fell.
^
XVII
  • Zu unterst der Alte, verworrn,
  • all der Erbauten
  • Wurzel, verborgener Born,
  • den sie nie schauten.
  • Sturmhelm und Jägerhorn,
  • Spruch von Ergrauten,
  • Männer im Bruderzorn,
  • Frauen wie Lauten ...
  • Drängender Zweig an Zweig,
  • nirgends ein freier ...
  • Einer! O steig ... o steig ...
  • Aber sie brechen noch.
  • Dieser erst oben doch
  • biegt sich zur Leier.
^
XVIII
  • Hörst du das Neue, Herr,
  • dröhnen und beben?
  • Kommen Verkündiger,
  • die es erheben.
  • Zwar ist kein Hören heil
  • in dem Durchtobtsein,
  • doch der Maschinenteil
  • will jetzt gelobt sein.
  • Sieh, die Maschine:
  • wie sie sich wälzt und rächt
  • und uns entstellt und schwächt.
  • Hat sie aus uns auch Kraft,
  • sie, ohne Leidenschaft,
  • treibe und diene.
^
XIX
  • Wandelt sich rasch auch die Welt
  • wie Wolkengestalten,
  • alles Vollendete fällt
  • heim zum Uralten.
  • Über dem Wandel und Gang,
  • weiter und freier,
  • währt noch dein Vor-Gesang,
  • Gott mit der Leier.
  • Nicht sind die Leiden erkannt,
  • nicht ist die Liebe gelernt,
  • und was im Tod uns entfernt,
  • ist nicht entschleiert.
  • Einzig das Lied überm Land
  • heiligt und feiert.
^
XX
  • Dir aber, Herr, o was weih ich dir, sag,
  • der das Ohr den Geschöpfen gelehrt? –
  • Mein Erinnern an einen Frühlingstag,
  • seinen Abend, in Rußland –, ein Pferd ...
  • Herüber vom Dorf kam der Schimmel allein,
  • an der vorderen Fessel den Pflock,
  • um die Nacht auf den Wiesen allein zu sein;
  • wie schlug seiner Mähne Gelock
  • an den Hals im Takte des Übermuts,
  • bei dem grob gehemmten Galopp.
  • Wie sprangen die Quellen des Rossebluts!
  • Der fühlte die Weiten, und ob!
  • Der sang und der hörte –, dein Sagenkreis
  • war in ihm geschlossen.
  •      Sein Bild: ich weih's.
^
XXI
  • Frühling ist wiedergekommen. Die Erde
  • ist wie ein Kind, das Gedichte weiß;
  • viele, o viele ... Für die Beschwerde
  • langen Lernens bekommt sie den Preis.
  • Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße
  • an dem Barte des alten Manns.
  • Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße,
  • dürfen wir fragen: sie kanns, sie kanns!
  • Erde, die frei hat, du glückliche, spiele
  • nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen,
  • fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingts.
  • O, was der Lehrer sie lehrte, das Viele,
  • und was gedruckt steht in Wurzeln und langen
  • schwierigen Stämmen: sie singts, sie singts !
^
XXII
  • Wir sind die Treibenden.
  • Aber den Schritt der Zeit,
  • nehmt ihn als Kleinigkeit
  • im immer Bleibenden.
  • Alles das Eilende
  • wird schon vorüber sein;
  • denn das Verweilende
  • erst weiht uns ein.
  • Knaben, o werft den Mut
  • nicht in die Schnelligkeit,
  • nicht in den Flugversuch.
  • Alles ist ausgeruht:
  • Dunkel und Helligkeit,
  • Blume und Buch.
^
XXIII
  • O erst dann, wenn der Flug
  • nicht mehr um seinetwillen
  • wird in die Himmelstillen
  • steigen, sich selber genug,
  • um in lichten Profilen,
  • als das Gerät, das gelang,
  • Liebling der Winde zu spielen,
  • sicher, schwenkend und schlank, -
  • erst, wenn ein reines Wohin
  • wachsender Apparate
  • Knabenstolz überwiegt,
  • wird, überstürzt von Gewinn,
  • jener den Fernen Genahte
  • sein, was er einsam erfliegt.
^
XXIV
  • Sollen wir unsere uralte Freundschaft, die großen
  • niemals werbenden Götter, weil sie der harte
  • Stahl, den wir streng erzogen, nicht kennt, verstoßen
  • oder sie plötzlich suchen auf einer Karte?
  • Diese gewaltigen Freunde, die uns die Toten
  • nehmen, rühren nirgends an unsere Räder.
  • Unsere Gastmähler haben wir weit –, unsere Bäder,
  • fortgerückt, und ihre uns lang schon zu langsamen Boten
  • überholen wir immer. Einsamer nun auf einander
  • ganz angewiesen, ohne einander zu kennen,
  • führen wir nicht mehr die Pfade als schöne Mäander,
  • sondern als Grade. Nur noch in Dampfkesseln brennen
  • die einstigen Feuer und heben die Hämmer, die immer
  • größern. Wir aber nehmen an Kraft ab, wie Schwimmer.
^
XXV
  • Dich aber will ich nun, Dich, die ich kannte
  • wie eine Blume, von der ich den Namen nicht weiß,
  • noch ein Mal erinnern und ihnen zeigen, Entwandte,
  • schöne Gespielin des unüberwindlichen Schrei's.
  • Tänzerin erst, die plötzlich, den Körper voll Zögern,
  • anhielt, als göß man ihr Jungsein in Erz;
  • trauernd und lauschend –. Da, von den hohen Vermögern
  • fiel ihr Musik in das veränderte Herz.
  • Nah war die Krankheit. Schon von den Schatten bemächtigt,
  • drängte verdunkelt das Blut, doch, wie flüchtig verdächtigt,
  • trieb es in seinen natürlichen Frühling hervor.
  • Wieder und wieder, von Dunkel und Sturz unterbrochen,
  • glänzte es irdisch. Bis es nach schrecklichem Pochen
  • trat in das trostlos offene Tor.
^
XXVI
  • Du aber, Göttlicher, du, bis zuletzt noch Ertöner,
  • da ihn der Schwarm der verschmähten Mänaden befiel,
  • hast ihr Geschrei übertönt mit Ordnung, du Schöner,
  • aus den Zerstörenden stieg dein erbauendes Spiel.
  • Keine war da, daß sie Haupt dir und Leier zerstör'.
  • Wie sie auch rangen und rasten, und alle die scharfen
  • Steine, die sie nach deinem Herzen warfen,
  • wurden zu Sanftem an dir und begabt mit Gehör.
  • Schließlich zerschlugen sie dich, von der Rache gehetzt,
  • während dein Klang noch in Löwen und Felsen verweilte
  • und in den Bäumen und Vögeln. Dort singst du noch jetzt.
  • O du verlorener Gott! Du unendliche Spur!
  • Nur weil dich reißend zuletzt die Feindschaft verteilte,
  • sind wir die Hörenden jetzt und ein Mund der Natur.

Zweiter Teil

^
I
  • Atmen, du unsichtbares Gedicht!
  • Immerfort um das eigne
  • Sein rein eingetauschter Weltraum. Gegengewicht,
  • in dem ich mich rhythmisch ereigne.
  • Einzige Welle, deren
  • allmähliches Meer ich bin;
  • sparsamstes du von allen möglichen Meeren, –
  • Raumgewinn.
  • Wieviele von diesen Stellen der Räume waren schon
  • innen in mir. Manche Winde
  • sind wie mein Sohn.
  • Erkennst du mich, Luft, du, voll noch einst meiniger Orte?
  • Du, einmal glatte Rinde,
  • Rundung und Blatt meiner Worte.
^
II
  • So wie dem Meister manchmal das eilig
  • nähere Blatt den wirklichen Strich
  • abnimmt: so nehmen oft Spiegel das heilig
  • einzige Lächeln der Mädchen in sich,
  • wenn sie den Morgen erproben, allein, –
  • oder im Glänze der dienenden Lichter.
  • Und in das Atmen der echten Gesichter,
  • später, fällt nur ein Widerschein.
  • Was haben Augen einst ins umrußte
  • lange Verglühn der Kamine geschaut:
  • Blicke des Lebens, für immer verlorne.
  • Ach, der Erde, wer kennt die Verluste?
  • Nur, wer mit dennoch preisendem Laut
  • sänge das Herz, das ins Ganze geborne.
^
III
  • Spiegel: noch nie hat man wissend beschrieben
  • was ihr in euerem Wesen seid.
  • Ihr, wie mit lauter Löchern von Sieben
  • erfüllten Zwischenräume der Zeit.
  • Ihr, noch des leeren Saales Verschwender –,
  • wenn es dämmert, wie Wälder weit ...
  • Und der Lüster geht wie ein Sechzehn-Ender
  • durch eure Unbetretbarkeit.
  • Manchmal seid ihr voll Malerei.
  • Einige scheinen in euch gegangen –,
  • andere schicktet ihr scheu vorbei.
  • Aber die Schönste wird bleiben, bis
  • drüben in ihre enthaltenen Wangen
  • eindrang der klare gelöste Narziß.
^
IV
  • O dieses ist das Tier, das es nicht giebt.
  • Sie wußtens nicht und habens jeden Falls
  • – sein Wandeln, seine Haltung, seinen Hals,
  • bis in des stillen Blickes Licht – geliebt.
  • Zwar war es nicht. Doch weil sie's liebten, ward
  • ein reines Tier. Sie ließen immer Raum.
  • Und in dem Räume, klar und ausgespart,
  • erhob es leicht sein Haupt und brauchte kaum
  • zu sein. Sie nährten es mit keinem Korn,
  • nur immer mit der Möglichkeit, es sei.
  • Und die gab solche Stärke an das Tier,
  • daß es aus sich ein Stirnhorn trieb. Ein Horn.
  • Zu einer Jungfrau kam es weiß herbei –
  • und war im Silber-Spiegel und in ihr.
^
V
  • Blumenmuskel, der der Anemone
  • Wiesenmorgen nach und nach erschließt,
  • bis in ihren Schoß das polyphone
  • Licht der lauten Himmel sich ergießt,
  • in den stillen Blütenstern gespannter
  • Muskel des unendlichen Empfangs,
  • manchmal so von Fülle übermannter,
  • daß der Ruhewink des Untergangs
  • kaum vermag die weitzurückgeschnellten
  • Blätterränder dir zurückzugeben:
  • du, Entschluß und Kraft von wieviel Welten!
  • Wir, Gewaltsamen, wir währen länger.
  • Aber wann, in welchem aller Leben,
  • sind wir endlich offen und Empfänger?
^
VI
  • Rose, du thronende, denen im Altertume
  • warst du ein Kelch mit einfachem Rand.
  • Uns aber bist du die volle zahllose Blume,
  • der unerschöpfliche Gegenstand.
  • In deinem Reichtum scheinst du wie Kleidung um Kleidung
  • um einen Leib aus nichts als Glanz;
  • aber dein einzelnes Blatt ist zugleich die Vermeidur
  • und die Verleugnung jedes Gewands.
  • Seit Jahrhunderten ruft uns dein Duft
  • seine süßesten Namen herüber;
  • plötzlich liegt er wie Ruhm in der Luft.
  • Dennoch, wir wissen ihn nicht zu nennen, wir raten ...
  • Und Erinnerung geht zu ihm über,
  • die wir von rufbaren Stunden erbaten.
^
VII
  • Blumen, ihr schließlich den ordnenden Händen verwandte,
  • (Händen der Mädchen von einst und jetzt),
  • die auf dem Gartentisch oft von Kante zu Kante
  • lagen, ermattet und sanft verletzt,
  • wartend des Wassers, das sie noch einmal erhole
  • aus dem begonnenen Tod –, und nun
  • wieder erhobene zwischen die strömenden Pole
  • fühlender Finger, die wohlzutun
  • mehr noch vermögen, als ihr ahntet, ihr leichten,
  • wenn ihr euch wiederfandet im Krug,
  • langsam erkühlend und Warmes der Mädchen, wie Beichten,
  • von euch gebend, wie trübe ermüdende Sünden,
  • die das Gepflücktsein beging, als Bezug
  • wieder zu ihnen, die sich euch blühend verbünden.
^
VIII
  • Wenige ihr, der einstigen Kindheit Gespielen
  • in den zerstreuten Gärten der Stadt:
  • wie wir uns fanden und uns zögernd gefielen
  • und, wie das Lamm mit dem redenden Blatt,
  • sprachen als schweigende. Wenn wir uns einmal freuten,
  • keinem gehörte es. Wessen wars?
  • Und wie zergings unter allen den gehenden Leuten
  • und im Bangen des langen Jahrs.
  • Wagen umrollten uns fremd, vorübergezogen,
  • Häuser umstanden uns stark, aber unwahr, – und keines
  • kannte uns je. Was war wirklich im All?
  • Nichts. Nur die Bälle. Ihre herrlichen Bogen.
  • Auch nicht die Kinder ... Aber manchmal trat eines,
  • ach ein vergehendes, unter den fallenden Ball.
  •                (In memoriam Egon von Rilke)
^
XI
  • Rühmt euch, ihr Richtenden, nicht der entbehrlichen Folter
  • und daß das Eisen nicht länger an Hälsen sperrt.
  • Keins ist gesteigert, kein Herz –, weil ein gewellter
  • Krampf der Milde euch zarter verzerrt.
  • Was es durch Zeiten bekam, das schenkt das Schafott
  • wieder zurück, wie Kinder ihr Spielzeug vom vorig
  • alten Geburtstag. Ins reine, ins hohe, ins thorig
  • offene Herz träte er anders, der Gott
  • wirklicher Milde. Er käme gewaltig und griffe
  • strahlender um sich, wie Göttliche sind.
  • Mehr als ein Wind für die großen gesicherten Schiffe.
  • Weniger nicht, als die heimliche leise Gewahrung,
  • die uns im Innern schweigend gewinnt
  • wie ein still spielendes Kind aus unendlicher Paarung.
^
X
  • Alles Erworbne bedroht die Maschine, solange
  • sie sich erdreistet, im Geist, statt im Gehorchen, zu sein.
  • Daß nicht der herrlichen Hand schöneres Zögern mehr prange,
  • zu dem entschlossenern Bau schneidet sie steifer den Stein.
  • Nirgends bleibt sie zurück, daß wir ihr ein Mal entrönnen
  • und sie in stiller Fabrik ölend sich selber gehört.
  • Sie ist das Leben, – sie meint es arn besten zu können,
  • die mit dem gleichen Entschluß ordnet und schafft und zerstört.
  • Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert
  • Stellen ist es noch Ursprung. Ein Spielen von reinen
  • Kräften, die keiner berührt, der nicht kniet und bewundert.
  • Worte gehen noch zart am Unsäglichen aus ...
  • Und die Musik, immer neu, aus den bebendsten Steinen,
  • baut im unbrauchbaren Raum ihr vergöttlichtes Haus.
^
XI
  • Manche, des Todes, entstand ruhig geordnete Regel,
  • weiterbezwingender Mensch, seit du im Jagen beharrst;
  • mehr doch als Falle und Netz, weiß ich dich, Streifen von Segel,
  • den man hinunter gehängt in den höhligen Karst.
  • Leise ließ man dich ein, als wärst du ein Zeichen,
  • Frieden zu feiern. Doch dann: rang dich am Rande der Knecht,
  • – und, aus den Höhlen, die Nacht warf eine Handvoll von bleichen
  • taumelnden Tauben ins Licht ...
  •      Aber auch das ist im Recht.
  • Fern von dem Schauenden sei jeglicher Hauch des Bedauerns,
  • nicht nur vom Jäger allein, der, was sich zeitig erweist,
  • wachsam und handelnd vollzieht.
  • Töten ist eine Gestalt unseres wandernden Trauerns ...
  • Rein ist im heiteren Geist,
  • was an uns selber geschieht.
^
XII
  • Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert,
  • drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt;
  • jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert,
  • liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.
  • Was sich ins Bleiben verschließt, schon ists das Erstarrte;
  • wähnt es sich sicher im Schutz des unscheinbaren Grau's?
  • Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte.
  • Wehe –: abwesender Hammer holt aus!
  • Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung;
  • und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne,
  • das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt.
  • Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung,
  • den sie staunend durchgehn. Und die verwandelte Daphne
  • will, seit sie lorbeern fühlt, daß du dich wandelst in Wind.
^
XIII
  • Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter
  • dir, wie der Winter, der eben geht.
  • Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter,
  • daß, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.
  • Sei immer tot in Eurydike –, singender steige,
  • preisender steige zurück in den reinen Bezug.
  • Hier, unter Schwindenden, sei, im Reiche der Neige,
  • sei ein klingendes Glas, das sich im Klang schon zerschlug.
  • Sei – und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung,
  • den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung,
  • daß du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.
  • Zu dem gebrauchten sowohl, wie zum dumpfen und stummen
  • Vorrat der vollen Natur, den unsäglichen Summen,
  • zähle dich jubelnd hinzu und vernichte die Zahl.
^
XIV
  • Siehe die Blumen, diese dem Irdischen treuen,
  • denen wir Schicksal vom Rande des Schicksals leihn, –
  • aber wer weiß es! Wenn sie ihr Welken bereuen,
  • ist es an uns, ihre Reue zu sein.
  • Alles will schweben. Da gehn wir umher wie Beschwerer,
  • legen auf alles uns selbst, vom Gewichte entzückt;
  • o was sind wir den Dingen für zehrende Lehrer,
  • weil ihnen ewige Kindheit glückt.
  • Nähme sie einer ins innige Schlafen und schliefe
  • tief mit den Dingen –: o wie käme er leicht,
  • anders zum anderen Tag, aus der gemeinsamen Tiefe.
  • Oder er bliebe vielleicht; und sie blühten und priesen
  • ihn, den Bekehrten, der nun den Ihrigen gleicht,
  • allen den stillen Geschwistern im Winde der Wiesen.
^
XV
  • O Brunnen-Mund, du gebender, du Mund,
  • der unerschöpflich Eines, Reines, spricht, –
  • du, vor des Wassers fließendem Gesicht,
  • marmorne Maske. Und im Hintergrund
  • der Aquädukte Herkunft. Weither an
  • Gräbern vorbei, vom Hang des Apennins
  • tragen sie dir dein Sagen zu, das dann
  • am schwarzen Altern deines Kinns
  • vorüberfällt in das Gefäß davor.
  • Dies ist das schlafend hingelegte Ohr,
  • das Marmorohr, in das du immer sprichst.
  • Ein Ohr der Erde. Nur mit sich allein
  • redet sie also. Schiebt ein Krug sich ein,
  • so scheint es ihr, daß du sie unterbrichst.
^
XVI
  • Immer wieder von uns aufgerissen,
  • ist der Gott die Stelle, welche heilt.
  • Wir sind Scharfe, denn wir wollen wissen,
  • aber er ist heiter und verteilt.
  • Selbst die reine, die geweihte Spende
  • nimmt er anders nicht in seine Welt,
  • als indem er sich dem freien Ende
  • unbewegt entgegenstellt.
  • Nur der Tote trinkt
  • aus der hier von uns gehörten Quelle,
  • wenn der Gott ihm schweigend winkt, dem Toten.
  • Uns wird nur das Lärmen angeboten.
  • Und das Lamm erbittet seine Schelle
  • aus dem stilleren Instinkt.
^
XVII
  • Wo, in welchen immer selig bewässerten Gärten, an welchen
  • Bäumen, aus welchen zärtlich entblätterten Blüten-Kelchen
  • reifen die fremdartigen Früchte der Tröstung? Diese
  • köstlichen, deren du eine vielleicht in der zertretenen Wiese
  • deiner Armut findest. Von einem zum anderen Male
  • wunderst du dich über die Größe der Frucht,
  • über ihr Heilsein, über die Sanftheit der Schale,
  • und daß sie der Leichtsinn des Vogels dir nicht vorwegnahm und nicht die Eifersucht
  • unten des Wurms. Giebt es denn Bäume, von Engeln beflogen,
  • und von verborgenen langsamen Gärtnern so seltsam gezogen,
  • daß sie uns tragen, ohne uns zu gehören?
  • Haben wir niemals vermocht, wir Schatten und Schemen,
  • durch unser voreilig reifes und wieder welkes Benehmen
  • jener gelassenen Sommer Gleichmut zu stören?
^
XVIII
  • Tänzerin: o du Verlegung
  • alles Vergehens in Gang: wie brachtest du's dar.
  • Und der Wirbel am Schluß, dieser Baum aus Bewegung,
  • nahm er nicht ganz in Besitz das erschwungene Jahr?
  • Blühte nicht, daß ihn dein Schwingen von vorhin umschwärme,
  • plötzlich sein Wipfel von Stille? Und über ihr,
  • war sie nicht Sonne, war sie nicht Sornmer, die Wärme,
  • diese unzählige Wärme aus dir?
  • Aber er trug auch, er trug, dein Baum der Ekstase.
  • Sind sie nicht seine ruhigen Früchte: der Krug,
  • reifend gestreift, und die gereiftere Vase?
  • Und in den Bildern: ist nicht die Zeichnung geblieben,
  • die deiner Braue dunkler Zug
  • rasch an die Wandung der eigenen Wendung geschrieben?
^
XIX
  • Irgendwo wohnt das Gold in der verwöhnenden Bank
  • und mit Tausenden tut es vertraulich. Doch jener
  • Blinde, der Bettler, ist selbst dem kupfernen Zehner
  • wie ein verlorener Ort, wie das staubige Eck unterm Schrank.
  • In den Geschäften entlang ist das Geld wie zuhause
  • und verkleidet sich scheinbar in Seide, Nelken und Pelz.
  • Er, der Schweigende, steht in der Atempause
  • alles des wach oder schlafend atmenden Gelds.
  • O wie mag sie sich schließen bei Nacht, diese immer offene Hand.
  • Morgen holt sie das Schicksal wieder, und täglich
  • hält es sie hin: hell, elend, unendlich zerstörbar.
  • Daß doch einer, ein Schauender, endlich ihren langen Bestand
  • staunend begriffe und rühmte. Nur dem Aufsingenden säglich.
  • Nur dem Göttlichen hörbar.
^
XX
  • Zwischen den Sternen, wie weit; und doch, um wievieles noch weiter,
  • was man am Hiesigen lernt.
  • Einer, zum Beispiel, ein Kind ... und ein Nächster, ein Zweiter –,
  • o wie unfaßlich entfernt.
  • Schicksal, es mißt uns vielleicht mit des Seienden Spanne,
  • daß es uns fremd erscheint;
  • denk, wieviel Spannen allein vom Mädchen zum Manne,
  • wenn es ihn meidet und meint.
  • Alles ist weit –, und nirgends schließt sich der Kreis.
  • Sieh in der Schüssel, auf heiter bereitetem Tische,
  • seltsam der Fische Gesicht.
  • Fische sind stumm ..., meinte man einmal. Wer weiß?
  • Aber ist nicht am Ende ein Ort, wo man das, was der Fische
  • Sprache wäre, ohne sie spricht?
^
XXI
  • Singe die Gärten, mein Herz, die du nicht kennst; wie in Glas
  • eingegossene Gärten, klar, unerreichbar,
  • Wasser und Rosen von Ispahan oder Schiras,
  • singe sie selig, preise sie, keinem vergleichbar.
  • Zeige, mein Herz, daß du sie niemals entbehrst.
  • Daß sie dich meinen, ihre reifenden Feigen.
  • Daß du mit ihren, zwischen den blühenden Zweigen
  • wie zum Gesicht gesteigerten Lüften verkehrst.
  • Meide den Irrtum, daß es Entbehrungen gebe
  • für den geschehnen Entschluß, diesen: zu sein!
  • Seidener Faden, kamst du hinein ins Gewebe.
  • Welchem der Bilder du auch im Innern geeint bist
  • (sei es selbst ein Moment aus dem Leben der Pein),
  • fühl, daß der ganze, der rühmliche Teppich gerneint ist.
^
XXII
  • O trotz Schicksal: die herrlichen Überflüsse
  • unseres Daseins, in Parken übergeschäumt, –
  • oder als steinerne Männer neben die Schlüsse
  • hoher Portale, unter Balkone gebäumt!
  • O die eherne Glocke, die ihre Keule
  • täglich wider den stumpfen Alltag hebt.
  • Oder die eine, in Karnak, die Säule, die Säule,
  • die fast ewige Tempel überlebt.
  • Heute stürzen die Überschüsse, dieselben,
  • nur noch als Eile vorbei, aus dem waagrechten gelben
  • Tag in die blendend mit Licht übertriebene Nacht.
  • Aber das Rasen zergeht und läßt keine Spuren.
  • Kurven des Flugs durch die Luft und die, die sie fuhren,
  • keine vielleicht ist umsonst. Doch nur wie gedacht.
^
XXIII
  • Rufe mich zu jener deiner Stunden,
  • die dir unaufhörlich widersteht:
  • flehend nah wie das Gesicht von Hunden,
  • aber immer wieder weggedreht,
  • wenn du meinst, sie endlich zu erfassen.
  • So Entzognes ist am meisten dein.
  • Wir sind frei. Wir wurden dort entlassen,
  • wo wir meinten, erst begrüßt zu sein.
  • Bang verlangen wir nach einem Halte,
  • wir zu Jungen manchmal für das Alte
  • und zu alt für das, was niemals war.
  • Wir, gerecht nur, wo wir dennoch preisen,
  • weil wir, ach, der Ast sind und das Eisen
  • und das Süße reifender Gefahr.
^
XXIV
  • O diese Lust, immer neu, aus gelockertem Lehm!
  • Niemand beinah hat den frühesten Wagern geholfen.
  • Städte entstanden trotzdem an beseligten Golfen,
  • Wasser und Öl füllten die Krüge trotzdem.
  • Götter, wir planen sie erst in erkühnten Entwürfen,
  • die uns das mürrische Schicksal wieder zerstört.
  • Aber sie sind die Unsterblichen. Sehet, wir dürfen
  • jenen erhorchen, der uns am Ende erhört.
  • Wir, ein Geschlecht durch Jahrtausende: Mütter und Väter,
  • immer erfüllter von dem künftigen Kind
  • daß es uns einst, übersteigend, erschüttere, später.
  • Wir, wir unendlich Gewagten, was haben wir Zeit!
  • Und nur der schweigsame Tod, der weiß, was wir sind
  • und was er immer gewinnt, wenn er uns leiht.
^
XXV
  • Schon, horch, hörst du der ersten Harken
  • Arbeit; wieder den menschlichen Takt
  • in der verhaltenen Stille der starken
  • Vorfrühlingserde. Unabgeschmackt
  • scheint dir das Kommende. Jenes so oft
  • dir schon Gekommene scheint dir zu kommen
  • wieder wie Neues. Immer erhofft,
  • nahmst du es niemals. Es hat dich genommen.
  • Selbst die Blätter durchwinterter Eichen
  • scheinen im Abend ein künftiges Braun.
  • Manchmal geben sich Lüfte ein Zeichen.
  • Schwarz sind die Sträucher. Doch Haufen von Dünger
  • lagern als satteres Schwarz in den Au'n.
  • Jede Stunde, die hingeht, wird jünger.
^
XXVI
  • Wie ergreift uns der Vogelschrei ...
  • Irgend ein einmal erschaffenes Schreien.
  • Aber die Kinder schon, spielend iin Freien,
  • schreien an wirklichen Schreien vorbei.
  • Schreien den Zufall. In Zwischenräume
  • dieses, des Weltraums, (in welchen der heile
  • Vogelschrei eingeht, wie Menschen in Träume –)
  • treiben sie ihre, des Kreischens, Keile.
  • Wehe, wo sind wir? Immer noch freier,
  • wie die losgerissenen Drachen
  • jagen wir halbhoch, mit Rändern von Lachen,
  • windig zerfetzten. – Ordne die Schreier,
  • singender Gott! daß sie rauschend erwachen,
  • tragend als Strömung das Haupt und die Leier.
^
XXVII
  • Giebt es wirklich die Zeit, die zerstörende?
  • Wann, auf dem ruhenden Berg, zerbricht sie die Burg?
  • Dieses Herz, das unendlich den Göttern gehörende,
  • wann vergewaltigt's der Demiurg?
  • Sind wir wirklich so ängstlich Zerbrechliche,
  • wie das Schicksal uns wahr machen will?
  • Ist die Kindheit, die tiefe, versprechliche,
  • in den Wurzeln – später – still?
  • Ach, das Gespenst des Vergänglichen,
  • durch den arglos Empfänglichen
  • geht es, als war es ein Rauch.
  • Als die, die wir sind, als die Treibenden,
  • gelten wir doch bei bleibenden
  • Kräften als göttlicher Brauch.
^
XXVIII
  • O komm und geh. Du, fast noch Kind, ergänze
  • für einen Augenblick die Tanzfigur
  • zum reinen Sternbild einer jener Tänze,
  • darin wir die dumpf ordnende Natur
  • vergänglich übertreffen. Denn sie regte
  • sich völlig hörend nur, da Orpheus sang.
  • Du warst noch die von damals her Bewegte
  • und leicht befremdet, wenn ein Baum sich lang
  • besann, mit dir nach dem Gehör zu gehn.
  • Du wußtest noch die Stelle, wo die Leier
  • sich tönend hob –; die unerhörte Mitte.
  • Für sie versuchtest du die schönen Schritte
  • und hofftest, einmal zu der heilen Feier
  • des Freundes Gang und Antlitz hinzudrehn.
^
XXIX
  • Stiller Freund der vielen Fernen, fühle,
  • wie dein Atem noch den Raum vermehrt.
  • Im Gebälk der finstern Glockenstühle
  • laß dich läuten. Das, was an dir zehrt,
  • wird ein Starkes über dieser Nahrung.
  • Geh in der Verwandlung aus und ein.
  • Was ist deine leidendste Erfahrung?
  • Ist dir Trinken bitter, werde Wein.
  • Sei in dieser Nacht aus Übermaß
  • Zauberkraft am Kreuzweg deiner Sinne,
  • ihrer seltsamen Begegnung Sinn.
  • Und wenn dich das Irdische vergaß,
  • zu der stillen Erde sag: Ich rinne.
  • Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.

(erschienen 1923)



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