Donnerstag, September 24, 2020

Fro Welt, ir sult dem wirte sagen – Walther von der Vogelweide

Autor: Walther von der Vogelweide
Werk:
Fro Welt, ir sult dem wirte sagen

Fro Welt, ir sult dem wirte sagen
daz ich im gar vergolten habe.
min groziu gülte ist abe geslagen,
daz er mich von dem brieve schabe.
swer ime iht sol, der mac wol sorgen.
e ich im lange schuldic waere, ich wolt e zeinem juden borgen.
er swiget unz an einen tac:
so wil er danne ein wette han, so jener niht vergelten mac.

„Walther, du zürnest ane not,
du solt bi mir beliben hie.
gedenke wie ich dirz erbot,
waz ich dir dines willen lie,
als dicke du mich sere baete.
mir was vil innecliche leit daz du daz ie so selten taete.
bedenke dich, din leben ist guot.
so du mir rehte widersagest, so wirst du niemer wol gemuot.“

Fro Welt, ich han ze vil gesogen,
ich wil entwonen, des ist zit.
din zart hat mich vil nach betrogen,
wand er vil süezer fröiden git.
do ich dich gesach reht under ougen,
do was din schoene an ze schouwen wünneclich al sunder lougen.
doch was der schanden alse vil,
do ich dich hinden wart gewar, daz ich dich iemer schelten wil.

„Sit ich dich niht erwenden mac,
so tuo doch ein dinc des ich ger.
gedenke an manegen liehten tac,
und sich doch underwilent her,
niuwan so dich der zit betrage.“
daz taet ich wunderlichen gerne, wan deich fürhte dine lage,
vor der sich nieman kan bewarn.
got gebe iu, frowe, guote naht, ich wil ze herberge varn.



Frau Welt, sagt dem Hausherrn,
daß ich ihm alles zurückgezahlt habe.
Meine große Schuld ist beglichen,
er soll mich von der Liste streichen.
Wer ihm noch etwas zu bezahlen hat, der möge sich Sorgen machen.
Ehe ich ihm noch etwas schuldig wäre, würde ich mir eher beim Juden etwas borgen.
Er schweigt zu uns bis an jenem Tag,
an welchem er die Strafe austeilt, wenn jener nicht bezahlen kann.

„Walther, du bist ohne Grund zornig,
bleibe doch hier bei mir.
Erinnere dich, was ich dir erwies,
egal wie häufig du mich darum gebeten hast.
Mir tat es aufrichtig Leid, daß du das nur so selten tatest.
Erinnere dich, dein Leben war gut.
Wenn du bei mir wirklich aufkündigst, wirst du nie mehr frohen Mutes sein.“

Frau Welt, ich habe zu gut gelebt,
es ist Zeit, daß ich mich entwöhne.
Deine Zärtlichkeit hat mich beinahe getäuscht,
denn sie gibt viele süße Freuden.
Als ich dich im rechten Lichte betrachtete,
da war deine Schönheit – ohne zu leugnen – in großer Wonne anzusehen.
Doch da war ebenso sehr die Schande
als ich deine Rückseite erblickte, daß ich dich immer tadeln werde.

„Wenn ich dich schon nicht mehr abhalten kann,
so erfülle mir doch noch eine Bitte.
Erinnere dich an manchen schönen Tag,
und sieh bisweilen her,
ohne, daß dir die Zeit langweilig wird.“
Das tät ich außerordentlich gerne, wenn ich nicht deine Falle fürchten würde,
der niemand entgehen kann.
Gott schenke Euch, Herrin, eine gute Nacht, ich will ein Nachtlager aufsuchen.

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