Sonntag, November 28, 2021

Jetzt wohin? – H. Heine – Gedichtanalyse

Autor: Heinrich Heine
Werk: Jetzt wohin?
Jahr: 1830
Epoche: Vormärz


Jetzt wohin? – Gedichtanalyse

Einleitung:

Das Gedicht „Jetzt wohin?“ von Heinrich Heine, erschienen 1830, ist der Epoche des Vormärz zu zuordnen. Das Gedicht handelt von der Orientierungslosigkeit des lyrischen-Ich in Bezug auf die Wahl seiner neuen Heimat, es kann sich selbst nicht wiederfinden.

Formaler Aufbau:

Das Gedicht besteht aus neun Strophen zu je vier Versen, insgesamt sind es also 36 Verse. Das Reimschema ist der Kreuzreim, jedoch reimt sich in diesem Gedicht nur der zweite und letzte Vers in jeder Strophe. Eine Ausnahme ist in der sechsten Strophe zu finden, diese weist keinen Reim vor. Das Metrum ist hierbei der Trochäus.

Situation des lyrischen Ich:

Das lyrische-Ich ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr in Deutschland, dort habe es nämlich sehr offensive, regierungskritische Schriften geschrieben, sodass dieser Standort zu riskant und gefährlich für das Ich wäre. Außerdem scheint das lyrische-Ich nicht in England, Amerika oder Russland zu sein, da es sich dort nach eigener Aussage nicht gerne aufhalte.
Das lyrische-Ich spricht in dem Gedicht über die Gegenwart, beziehungsweise überdenkt es seine Zukunft, seinen weiteren Lebensweg, und es ist gedanklich auf der Suche nach einer neuen Heimat. Dabei bezieht es sich selbst dauerhaft mit ein, zusehen an dem Personalpronomen „Ich“.
Es erfolgt eine Leseransprache schon in dem Titel des Gedichts „Jetzt wohin?“, diese lässt auch schon etwas über das Thema des Gedichts, die Heimatsuche, vermuten.


Thema, Inhalt und Deutung einzelner Sätze, sowie Stilmittel für jede Strophe:

Die erste Strophe handelt davon, dass das lyrische-Ich einen starken inneren Willen hat, nach Deutschland zurückzukehren (vgl. Vers 1f.). Jedoch setzt sich dieser Wille nicht durch, da der Verstand das lyrische-Ich davon zurückhält.
Der „dumme Fuß“ (Vers 1), ist eine Personifikation und steht für den inneren Willen oder die Lust nach Deutschland zurückzureisen.
Die Metapher „Doch es schüttelt klug das Haupt“ (Vers 3), steht dabei für das rationale Denken, für den sinnvolle Verstand des Ich, welcher sich über den emotional gesteuerten inneren Willen hinwegsetzt. Es weiß nämlich genau, dass es nicht nach Deutschland zurückkehren darf, da es dort zu gefährlich für das lyrische-Ich sein kann.
Die Frage „Jetzt wohin?“ (Vers 1) wird dabei aus dem Titel wiederholt und spiegelt die Orientierungslosigkeit des Ichs, sowie auch die Verzweiflung wider. Es lässt auch den Leser hoffen, dass das lyrische-Ich eine Antwort im Laufe des Gedichts auf diese Frage finden wird.


Die zweite Strophe handelt von den negativen Nachwirkungen des Krieges, auf das lyrische-Ich. Es habe viele Texte und Schriftstücke geschrieben, welche diesem nun zum Verhängnis werden könnten.
Mit „Viel Erschießliches“ (Vers 8) meint das lyrische-Ich die oftmals regierungskritischen Werke und Schriften, welche es zuvor veröffentlich habe.
Das kritische Denken und Schreiben gegenüber den Herrschern zu dieser Zeit, ist ein typisches Merkmal der Epoche des Vormärz. Damals (ab ca. 1815), lehnten sich viele Schriftsteller und Autoren gegen die stark dezimierte Meinungsfreiheit, sowie Pressefreiheit auf. Dabei waren Gedichte als Beispiel ein Zentrales Mittel um den Widerstand auszudrücken und ans breite Volk zu bringen. Auf diese Weise sollten die modernen Ideen vielen auch einfachen Menschen zugänglich gemacht werden.


In der dritten Strophe, stellt das lyrische-Ich klar, dass es ungerne den autoritären Herrschern in die Hände fallen würde. Es sagt auch, dass es sich nicht ewig und grenzenlos gegen diese auflehnen kann.
Mit dem Wort „Erschossenwerden“ (Vers 10) ist metaphorisch die Verhaftung, bzw. Stillsetzung des lyrischen-Ich gemeint. Auch dies ist eine Anspielung auf die Absichten der Regierenden, welche gerne solche Kritiker „ausschalten“ würden.
Das lyrische-Ich behauptet kein Held zu sein (vgl. Vers 11f.) und stellt damit klar, wie oben schon erwähnt, dass es sich nicht um jeden Preis gegen die Herrscher auflehnen kann.


In den vier Strophen (Strophen: 4,5,6,7) umreist das lyrische-Ich gedanklich verschiedene Länder, in der Hoffnung, ein geeignetes Land als neue Heimat zu finden. Das Ich denkt erst über England, dann Amerika und dann Russland nach, jedoch findet es immer wieder Kritikpunkte, welche es wieder resignieren lassen. Es scheint fast, als wolle das lyrische-Ich, seinen jetzigen Standort nicht verlassen. Dabei findet es immer wieder Argumente wie: Einen miesen „Duft“ in der Luft (vgl. Vers 14f.), oder „schlechte“ Sitten (vgl. Vers 21f.) oder einen zu kalten Winter (vgl. 27f.).
Daran ist gut zu erkennen, dass das lyrische-Ich sich entweder in seiner jetzigen Lage gar gut fühlt oder nicht eine neue Heimat zu finden vermag.
Die Hyperbel „Gibt Erbrechen mir und Krämpfe“ (Vers 16), soll die Wirkung nochmals unterstreichen und das „Angeekeltsein“ verdeutlichen.
Die Anaphern „Wo“ (Verse 23,24,25) stellen das Wort „Wo“ nochmals in den Fokus des Lesers und spiegeln den Wunsch des Ich, nach einer neuen, wohligen Heimat wider.


In den letzten beiden Strophen stellt das Ich einen Bezug zu den Sternen am Himmel und sich selbst her. Es versucht seinen Stern am Himmel zu erblicken, wird jedoch, unter all den anderen Sternen, nicht fündig. Es schließt daraus, dass sich der „eigene“ Stern verirrt haben muss, wie das lyrische-Ich sich auch verirrt hat.
In dieser Strophe wird wiederholt klar, dass das Ich sich selbst und seinen Halt verloren hat. Es selbst sagt ja, „Wie ich selber mich verirrt {habe}“ (Vers 35). Die Orientierungslosigkeit, zwischen einem Land wo das „Erschossenwerden“ droht und zum anderen Länder mit anderen, vermeintlichen, Kritikpunkten scheinen dem Ich keine Heimat zu bieten. Auf diese Weise hat es sich „verirrt“.

Schluss/ Zusammenfassung:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das lyrische Ich weder Halt in seiner Heimat, Deutschland, finden kann, noch sich im Ausland positionieren mag. Es ist innerlich hin und her gerissen und wohl auch etwas wählerisch, was die Suche einer neuen Heimat anbelangt. Auch möglich ist, dass es nicht in so einer großen Notsituation steckt, wie es anfangs im Gedicht beschrieben wird. Klar ist jedenfalls, dass es mit seinem aktuellen Aufenthaltsort nicht in Einklang und Geborgenheit lebt.

Anmerkung:

Diese Gedichtanalyse dient nur als Beispiel und Denkanregung: Gedichte können unter unterschiedlichen Aspekten analysiert und interpretiert werden.

Autor: M. Kort
Jahr: 2021

Eine Weiterveröffentlichung
außerhalb der Internetseite
Literaturwelt.com ist untersagt.