Freitag, Juni 18, 2021

Carpe diem – Martin Opitz

Autor: Martin Opitz
Werk:
Carpe diem
Jahr: 1624
Gedichtform: Ode
Epoche: Barock

    Ich empfinde fast ein Grauen,
daß ich, Plato, für und für
bin gesessen über dir.
Es ist Zeit hinauszuschauen
und sich bei den frischen Quellen
in dem Grünen zu ergehn.
wo die schönen Blumen stehn
und die Fischer Netzte stellen!

    Wozu dienet das Studieren
als zu lauter Ungemach!
Unterdessen lauft die Bach
unsers Lebens, das wir führen,
ehe wir es inne werden,
auf ihr letztes Ende hin;
dann kömmt ohne Geist und Sinn
dieses alles in die Erden.

    Holla, Junger, geh und frage,
wo der beste Trunk mag sein,
nimm den Krug und fülle Wein!
Alles Trauren, Leid und Klage,
wie wir Menschen täglich haben,
eh uns Clotho fortgerafft,
will ich in den süßen Saft,
den die Traube gibt, vergraben.

    Kaufe gleichfalls auch Melonen
und vergiß des Zuckers nicht,
schaue nur, daß nichts gebricht!
Jener mag der Heller schonen,
der bei seinem Gold und Schätzen
tolle sich zu kränken pflegt
und nicht satt zu Bette legt;
ich will, weil ich kann, mich letzen!

    Bitte meine guten Brüder
auf die Musik und ein Glas!
Kein Ding schickt sich, dünkt mich, baßt
als gut Trank und gute Lieder.
Laß ich gleich nicht viel zu erben,
ei, so hab ich edlen Wein!
Will mit andern lustig sein,
muß ich gleich alleine sterben.

Übrigens:
Carpe diem (lat.) bedeutet: „Genieße den Tag“, wörtlich: „Pflücke den Tag“

Mehr Infos zum Werk Carpe diem

https://de.wikipedia.org/wiki/Carpe_diem#Barock

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