Dienstag, Juli 5, 2022

Der Erlkönig – Johann Wolfgang von Goethe

Autor: Johann Wolfgang von Goethe
Werk:
Der Erlkönig
veröffentlicht: 1782
Gedichtform: Ballade
Epoche: Sturm und Drang

Der Erlkönig
J.W. von Goethe (Bild aus: Wikipedia)

Der Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.


Der Inhalt in Kürze

Diese Ballade handelt von einem nächtlichen Ritt von Vater und Sohn, wobei dem kleinen Sohn in dieser stürmischen Nacht der Erlkönig zu erscheinen scheint. Er ängstigt sich sehr.

Formale Analyse

  • 8 Strophen mit je 4 Versen (32 Verse)
  • größtenteils Paarreime (aabb) vorhanden
  • außer: die ersten Verse der 5. Strophe („gehn?“ u. „schön;“)
  • diese werden Reimwaisen genannt (als x oder w kennzeichnen)
  • unregelmäßiger Wechsel zwischen Jamben und Anapästen
  • männliche Kadenzen (stumpf) vorwiegend

Ausführende Zusammenfassung

Ein ängstlicher Junge wird nachts von seinem Vater auf dem Pferd getragen. Wohin, wird nicht klar gesagt; das Wort „Hof“ hat nämlich ziemlich viele Bedeutungen, vom Bauernhof, bis zum königlichen Hof. Aus dem ersten Vers geht hervor, dass es ungewöhnlich spät ist und dass das Wetter für eine Reise sehr schlecht ist. Da sich herausstellt, dass der Junge im Delirium ist, besteht die Möglichkeit, dass der Vater ihn schnell zu einem Arzt bringen wollte.

Im weiteren Verlauf des Gedichts behauptet der Sohn, den „Erlkönig“ zu sehen und zu hören. Sein Vater kann das Wesen jedoch nicht wahrnehmen und er versucht, seinen Sohn zu trösten, indem er ihm vermeintliche Erklärungen für das Gesehene vorbringt: Ein Nebelschwaden (Nebelstreif), raschelnde Blätter (In Blättern säuselt der Wind), schimmernde Weiden (die Weiden so grau). Der Erlkönig versucht, das Kind zu sich zu locken, indem er ihm Vergnügungen, reiche Kleider und die Aufmerksamkeit seiner Töchter verspricht. Später macht der Erlkönig klar, dass er das Kind mit Gewalt mitnehmen will. Der Junge schreit, dass er vom Erlkönig angegriffen worden sei, was den Vater anspornt, noch schneller zum Hof zu reiten. Als er dort ankommt, ist das Kind jedoch tot.

Die Legende des Erlkönig

Die Geschichte des Erlkönigs geht auf die traditionelle dänische Ballade Elveskud (Peder Syv, 1695) zurück. Zunächst übersetze Johann Gottfried Herder eine Variante der Ballade Elveskud ins Deutsche, betitelt als Erlkönigs Tochter (1778). Diese war die Inspiration für Goethes „Der Erlkönig“ und sein Gedicht verselbständigte sich daraufhin und inspirierte die romantische Vorstellung vom Erlkönig.

Der korrekte Name ist „Erlkönig“ und nicht, wie im Englischen üblich, „Elf King“. Dies würde zu Deutsch als Elfenkönig wiedergegeben werden. Es wird oft vermutet, dass „Erlkönig“ eine Fehlübersetzung des ursprünglichen dänischen Elverkonge ist, das tatsächlich „König der Elfen“ bedeutet.

In der ursprünglichen skandinavischen Version des Märchens war der Antagonist nicht der Erlkönig selbst, sondern die Tochter des Erlkönigs; die weiblichen Elfen oder elvermøer (dän.) versuchten, die Menschen zu verführen, um ihre Begierde, Eifersucht und Rachegelüste zu befriedigen.

Vertonung vom Erlkönig

Der Erlkönig
Franz Schubert (Bild aus: Wikimedia)

Dieses Werk wurde oft und auch vom berühmten Komponisten Franz Schubert 1815 vertont, wobei seine Vertonung die bekannteste ist. Unten kannst du sie dir anhören.
Die zweitbekannteste ist wahrscheinlich die von Carl Loewe (1818). Andere bemerkenswerte Vertonungen stammen von Mitgliedern des Goethekreises. Sogar Ludwig van Beethoven versuchte den Erlkönig zu vertonen, gab das Vorhaben aber auf. Auf der Grundlage Beethovens Skizzen konnte Reinhold Becker die Vertonung später dennoch veröffentlichen.

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