Donnerstag, September 24, 2020

Prometheus – Johann Wolfgang von Goethe

Autor: Johann Wolfgang von Goethe
Werk:
Prometheus
Jahr: 1785

   Bedecke deinen Himmel, Zeus,
  Mit Wolkendunst
  Und übe, dem Knaben gleich,
  Der Disteln köpft
5 An Eichen dich und Bergeshöhn;
  Mußt mir meine Erde
  Doch lassen stehn,
  Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
  Und meinen Herd,
10 Um dessen Glut
  Du mich beneidest.
  
Ich kenne nichts ärmeres
  Unter der Sonn‘ als euch, Götter!
  Ihr nähret kümmerlich
15 Von Opfersteuern
  Und Gebetshauch
  Eure Majestät,
  Und darbtet, wären
  Nicht Kinder und Bettler
20 Hoffnungsvolle Toren.
  
Da ich ein Kind war,
  Nicht wußte wo aus noch ein,
  Kehrt‘ ich mein verirrtes Auge
  Zur Sonne, als wenn drüber wär‘
25 Ein Ohr zu hören meine Klage,
  Ein Herz wie mein’s,
  Sich des Bedrängten zu erbarmen.
  
Wer half mir
  Wider der Titanen Übermut?
30 Wer rettete vom Tode mich
  Von Sklaverei?
  Hast du nicht alles selbst vollendet,
  Heilig glühend Herz?
  Und glühtest jung und gut,
35 Betrogen, Rettungsdank
  Dem Schlafenden da droben?
  
Ich dich ehren? Wofür?
  Hast du die Schmerzen gelindert
  Je des Beladenen?
40 Hast du die Tränen gestillet
  Je des Geängsteten?
  Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
  Die allmächtige Zeit
  Und das ewige Schicksal,
45 Meine Herrn und deine?
  
Wähntest du etwa,
  Ich sollte das Leben hassen,
  In Wüsten fliehen,
  Weil nicht alle
50 Blütenträume reiften?
  
Hier sitz‘ ich, forme Menschen
  Nach meinem Bilde,
  Ein Geschlecht das mir gleich sei,
  Zu leiden, zu weinen,
55 Zu genießen und zu freuen sich,
  Und dein nicht zu achten,
  Wie ich!

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