Sonntag, Oktober 17, 2021

Der Zürchersee – Friedrich Gottlieb Klopstock

Autor: Friedrich Gottlieb Klopstock
Werk:
Der Zürchersee
Jahr: 1750
Gedichtform: Ode

 Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht
 Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,
 Das den großen Gedanken
 Deiner Schöpfung noch einmal denkt.
5
Von des schimmernden Sees Traubengestaden her,
 Oder, flohest du schon wieder zum Himmel auf,
 Komm in rötendem Strahle
 Auf dem Flügel der Abendluft,
 
Komm, und lehre mein Lied jugendlich heiter sein,
10Süße Freude, wie du! gleich dem beseelteren
 Schnellen Jauchzen des Jünglings,
 Sanft, der fühlenden Fanny gleich.
 
Schon lag hinter uns weit Uto, an dessen Fuß
 Zürch in ruhigem Tal freie Bewohner nährt;
15Schon war manches Gebirge
 Voll von Reben vorbeigeflohn.
 
Jetzt entwölkte sich fern silberner Alpen Höh,
 Und der Jünglinge Herz schlug schon empfindender,
 Schon verriet es beredter
20Sich der schönen Begleiterin.
 
„Hallers Doris“, die sang, selber des Liedes wert,
 Hirzels Daphne, den Kleist innig wie Gleimen liebt;
 Und wir Jünglinge sangen
 Und empfanden wie Hagedorn.
25
Jetzo nahm uns die Au in die beschattenden
 Kühlen Arme des Walds, welcher die Insel krönt;
 Da, da kamest du, Freude!
 Volles Maßes auf uns herab!
 
Göttin Freude, du selbst! dich, wir empfanden dich!
30Ja, du warest es selbst, Schwester der Menschlichkeit,
 Deiner Unschuld Gespielin,
 Die sich über uns ergoß!
 
Süß ist, fröhlicher Lenz, deiner Begeistrung Hauch,
 Wenn die Flur dich gebiert, wenn sich dein Odem sanft
35In der Jünglinge Herzen,
 
Und die Herzen der Mädchen gießt.
 Ach du machst das Gefühl siegend, es steigt durch dich
 Jede blühende Brust schöner, und bebender,
 Lauter redet der Liebe
40Nun entzauberter Mund durch dich!
 
Lieblich winket der Wein, wenn er Empfindungen,
 Beßre sanftere Lust, wenn er Gedanken winkt,
 Im sokratischen Becher
 Von der tauenden Ros‘ umkränzt;
45
Wenn er dringt bis ins Herz, und zu Entschließungen,
 Die der Säufer verkennt, jeden Gedanken weckt,
 Wenn er lehret verachten,
 Was nicht würdig des Weisen ist.
 
Reizvoll klinget des Ruhms lockender Silberton
50In das schlagende Herz, und die Unsterblichkeit
 Ist ein großer Gedanke,
 Ist des Schweißes der Edeln wert!
 
Durch der Lieder Gewalt, bei der Urenkelin
 Sohn und Tochter noch sein; mit der Entzückung Ton
55Oft beim Namen genennet,
 Oft gerufen vom Grabe her,
 
Dann ihr sanfteres Herz bilden und; Liebe, dich,
 Fromme Tugend, dich auch gießen ins sanfte Herz,
 Ist, beim Himmel! nicht wenig!
60Ist des Schweißes der Edeln wert!
 
Aber süßer ist noch, schöner und reizender,
 In dem Arme des Freunds wissen ein Freund zu sein!
 So das Leben genießen,
 Nicht unwürdig der Ewigkeit!
65
Treuer Zärtlichkeit voll, in den Umschattungen,
 In den Lüften des Walds, und mit gesenktem Blick
 Auf die silberne Welle,
 Tat ich schweigend den frommen Wunsch:
 
Wäret ihr auch bei uns, die ihr mich ferne liebt,
70In des Vaterlands Schoß einsam von mir verstreut,
 Die in seligen Stunden
 Meine suchende Seele fand;
 
O so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns!
 Ewig wohnten wir hier, ewig! Der Schattenwald
75Wandelt‘ uns sich in Tempe,
 Jenes Tal in Elysium!

Epoche in welcher das Werk Der Zürchersee entstanden ist:

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