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Naturalismus

Naturalismus

1880 - 1900

Inhalt


CD-ROM Deutsche Literaturgeschichte   Ausführlichere Informationen zu dieser Epoche erhalten Sie auf der CD-ROM "Deutsche Literaturgeschichte - Epochenüberblicke".
Erscheinungstermin: 29. Januar 2008
ISBN: 978-3-8044-9002-4
Verlag: C. Bange Verlag
Preise: 14,90 Euro (D) | 13,80 Euro (A) | 26,80 sfr (CH)

erhältlich im Handel oder direkt beim C. Bange Verlag bestellen

I. Begriff

Naturalismus allgemein bezeichnet eine Stilrichtung, bei der die Wirklichkeit ohne jegliche Ausschmückungen oder subjektive Ansichten exakt abgebildet wird. Der Naturalismus gilt auch als Radikalisierung des Realismus.

II. Historischer Hintergrund

Zu Beginn der 1880er Jahre kam es zu großen Fortschritten und Weiterentwicklungen in den Wissenschaften, z. B. 1884 wurde die Dampfturbine, 1887 die Schallplatte und 1893 der Dieselmotor erfunden.
Bestimmend für die innen- und außenpolitische Entwicklung war Reichskanzler Bismarck. Im Deutschen Reich und in Europa wurde durch ihn eine gewisse Stabilität geschaffen, die erst wieder abnahm, als Bismarck 1890, wegen politischen Differenzen mit dem neuen Kaiser Willhelm II., zurücktreten musste.

III. Grundlagen des Naturalismus

Der Naturalismus beruhte nicht allein auf den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, z. B. Charles Darwins Evolutionstheorien, er wurde auch stark von der Philosophie des Positivismus beeinflusst. Die wichtigste Bedeutung hatte aber die Milieutheorie Taines. Er fasste den Menschen als ein von Milieu und Rasse (Erbanlagen und soziale Verhältnisse) abhängiges Wesen auf.

1. Literatur des Naturalismus

Wie in meist jeder anderen Epoche sind auch im Naturalismus alle Gattungsarten vertreten: Lyrik, Epik und Dramatik. Jedoch unterscheiden sich die Anteile literarischer Schöpfungen in verschiedenen Zeitperioden. Zwischen 1880 bis 1885 dominierte neben Theorien und Proklamationen vor allem die Lyrik, von 1885 bis 1890 v. a. Prosatexte und seit den 90er Jahren Dramen und Romane.

     1.1 Herausbildung des Naturalismus

Die Strömung des Naturalismus lässt sich in drei wesentliche Abschnitte gliedern: den Frühnaturalismus (1880-1889), den Hochnaturalismus (1889-1895) und den Zerfall des Naturalismus (1895-?). Es ist jedoch zu beachten, dass die Perioden ineinander überfließen und die Strömung insgesamt schließlich ganz zerfließt.
Im Deutschland bildeten sich zwei Zentren heraus: München und Berlin. Zwei Jahre geben in der Entwicklung des Naturalismus einen entscheidenden Einschnitt: 1885 und 1889. 1885 wurde die Münchener Zeitung Die Gesellschaft gegründet, Arno Holz veröffentlichte seine Gedichtsammlung Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. 1889 wurde in Berlin die "Freie Bühne" gegründet, Hauptmanns Vor Sonnenaufgang hatte Premiere.

Arno Holz
Arno Holz (1863-1929)

In den Zentren Berlin und München bildeten sich bestimmte Gruppierungen von naturalistischen Schriftstellern heraus. In Berlin sammelten sich um die Zeitschrift "Kritische Waffengänge" von den Brüdern Hart, Bölsche, Holz und Schlaf. In München bildete sich 1885 eine Gruppe um die Zeitschrift Die Gesellschaft (gegründet von Michael Georg Conrad), der auch Hermann Conradi angehörte. Zwischen beiden Gruppierungen gab es starke Kontraste. 1886 entstand in Berlin der Verein "Durch!".

Für die Entwicklung des Naturalismus trugen außerdem Auguste Comte und Hyppolite Taine einen entscheidenden Anteil. Comte kam mit Beobachtungen und Experimenten zu einer "positiven" Methode der Analyse, anstatt auf Spekulationen zu vertrauen. Taine sah als Basis für positivistische Experimente die Einheit aus Rasse, Milieu und Moment. Er formulierte diese Aspekte in seiner Milieutheorie.
Arno Holz fand 1891 in seinem Werk Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze. eine Gesetzmäßigkeit in allen Ereignissen. Von ihm stammt die mathematische Formel "Kunst = Natur - x". Das "x", die Differenz aus Natur und Kunst, müsse dabei so klein wie möglich sein, damit die Literatur die Realität möglichst exakt abbildet.

     1.2 Lyrik des Naturalismus

Die wesentlichsten Probleme, die von der naturalistischen Lyrik behandelt wurden, lauten "Soziale Frage" und Großstadt. Obwohl die Großstadtlyrik z. B. schon zur Hälfte des 19. Jahrhunderts in Paris auftrat, wurde das Sujet erst von den Naturalisten lyrisch erfasst. Die Probleme der urbanen Lebensweise drücken sich in einer Reizüberflutung aus, die bis weit in den Expressionismus hineinreicht. Dabei wird die Großstadt meist als Ort des Elends und Schmutzes wahrgenommen, ein Ort, an dem alle Aspekte der Natur verlorengegangen sind. Dies zeigt sich z. B. im Großstadtmorgen (1886) von Arno Holz. Die soziale Lyrik tauchte meist gemeinsam mit der Großstadtlyrik auf. Ihr Inhalt war meist mit scharfer Sozialkritik geprägt.
Als bedeutendster Lyriker des Naturalismus zählt Arno Holz mit seinem Buch der Zeit (1886). Wichtige Merkmale seiner Lyrik sind Mittelachsenzentrierung, Verzicht auf Reim und Metrik, die den Rhythmus eines literarischen Werkes entscheidend beeinflussen.

     1.3 Naturalistische Prosa

Epischen Kleinformen, wie Skizze, Studie, Novelle, Kurzerzählung, usw. wurden von den Naturalisten vorrangig verwendet. Thema der Prosaformen waren u. a. Auseinandersetzungen mit der Beziehung zwischen Dichter und Proletariat, Großstadt und Industrialisierung.
Eine vollkommen neue Erzähltechnik, die erstmals von den Naturalisten verwendet wurde, ist der Sekundenstil. Mit Hilfe dieser Technik wurde Sekunde für Sekunde Raum und Zeit geschildert, mit dem Ziel der Widerspiegelung der Realität. Die Bezeichnung Sekundenstil wurde 1900 von Hanstein erfunden. Die Technik des Sekundenstils fand z. B. bei Bahnwärter Thiel von Hauptmann oder Papa Hamlet von Holz/Schlaf Anwendung. Eine weitere Technik, die man häufig in naturalistischer Prosa antrifft, ist der innere Monolog, der häufig mit den Gestaltungsmitteln des Sekundenstils übereinstimmt.

Gestaltungsmittel des Sekundenstils:
  • photographisch und phonographisch exakte Wiedergabe der Wirklichkeit
  • kaum auktoriale Erzählweise, vorwiegend personale Erzählweise und Dialoge
  • exakte Darstellung der Dialoge mit allen Wörtern, Wortfetzen, Pausen, Dialekt, etc.
  • annähernd zeitdeckende Erzählung (Erzählzeit = erzählte Zeit) bis hin zum Zeitlupeneffekt (Erzählzeit länger als erzählte Zeit)

     1.4 Naturalistisches Drama

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde das Drama zum wichtigsten Mittel literarischer Schöpfungen. Die schon in naturalistischer Prosa eingesetzten Techniken, wie Dialekt, Jargon, Milieuschilderung und Sekundenstil, kamen auch im Drama zum Ausdruck.

Gerhart Hauptmann
Gerhart Hauptmann (1862-1946)

Das Drama im Naturalismus wurde von vielen Seiten zur damaligen Zeit kritisiert. Hauptmanns Vor Sonnenaufgang, z. B., sah man als Vermischung von Epik und Dramatik an. Die Handlung im naturalistischen Drama wurde reduziert, im Zentrum stand die Darstellung der Charaktere.
Im Drama des Naturalismus ist die Einheit von Ort, Handlung und Zeit der einzelnen Akte eingehalten. Sie soll die Authentizität des Dargestellten verwirklichen. Die meisten Bühnenstücke haben einen offenen Anfang und offenen Ausgang.
Der Zurückgang des Dramatischen, die Reduzierung der Handlung und die Konzentration auf bestimmte Objekte waren er Ausgangspunkt für die Entwicklung des epischen Theaters für Brecht. Das Epische war notwendig, um das Soziale darzustellen.

Eine große Popularität genossen auch die Dramen von Ibsen in Deutschland.

Henrik Ibsen
Henrik Ibsen (1828-1906)

2. Literarische Formen

  • experimentelle Prosa: Dialekt und Alltagssprache, Zeitdeckung, Sekundenstil, genaue Darstellung kleinster Bewegungen und des Mienenspiels
  • im Drama: ausführliche Regieanweisungen
  • "Revolution" der Lyrik: geprägt von Arno Holz, äußerlich Zentrierung der Verse auf eine gedachte Mittelachse, z. B. Phantasus (Holz)

Phantasus
Arno Holz

Rote Dächer!
Aus den Schornsteinen, hier und da, Rauch,
oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu Tauben.
Es ist Nachmittag.
Aus Mohdrickers Gartern her gackert eine Henne,
die ganze Stadt riecht nach Kaffee.

Ich bin ein kleiner, achtjähriger Junge
und liege, das Kinn in beide Fäuste,
platt auf den Bauch
und kucke durch die Bodenluke.
Unter mir, steil, der Hof,
hinter mir, weggeworfen, ein Buch.
Franz Hoffmann. Die Sclavenjäger.

Wie still das ist!

Nur drüben in Knorrs Regenrinne
zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,
ein Mann, der sägt,
und dazwischen, deutlich von der Kirche her,
in kurzen Pausen, regelmäßig, hämmernd,
der Kupferschmied Thiel.

Wenn ich unten runtersehe,
sehe ich grade auf Mutters Blumenbrett:
ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkoyen, eine Geranie
und mittendrin, zierlich in einem Zigarrenkistchen,
ein Hümpelchen Reseda.

Wie das riecht? Bis zu mir rauf!

Und die Farben!
Jetzt! Wie der Wind drüber weht!
Die wunder, wunderschönen Farben!

Ich schließe die Augen. Ich sehe sie noch immer.

3. Vertreter

  • Wilhelm Bölsche (1861-1939)
  • Michael Georg Conrad (1846-1927)
  • Hermann Conradi (1862-1890)
  • Heinrich Hart (1855-1906)
  • Julius Hart (1859-1930)
  • Gerhart Hauptmann (1862-1946)
  • Arno Holz (1863-1929)
  • Johannes Schlaf (1862-1941)
  • Bruno Wille (1860-1928)
  • Ernst von Wolzogen (1855-1934)

4. Werke

  • Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie (1887) - Bölsche
  • Bahnwärter Thiel (1888) - Hauptmann
  • Vor Sonnenaufgang (1889) - Hauptmann
  • Papa Hamlet (1889) - Holz/Schlaf
  • Familie Selicke (1889) - Holz/Schlaf
  • Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze (1891) - Holz
  • Die Weber (1892) - Hauptmann
  • Meister Oelze (1892) - Schlaf
  • Der Biberpelz (1893) - Hauptmann
  • Fuhrmann Henschel (1898) - Hauptmann
  • Revolution der Lyrik (1899) - Holz

5. Interpretationshilfen

   


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