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Deutsche Odendichtungen

Inhalt

1. Die Ode

1.1 Zum Begriff der Ode

  • griechisch = Gesang, Lied
  • in der Antike Sammelbezeichnung für alle sangbaren strophischen Dichtungen
  • die meisten Oden deutscher Odendichter waren jedoch nicht als singbar gedacht und empfunden

1.2 Merkmale der Ode

  • feierliches Gedicht, ähnlich der Hymne aber gedämpfter
  • meist reimlos, mit festgelegter Strophenform
  • antike Odenmaße: alkäische, sapphische, asklepiadeische und archilochische Ode
  • geprägt von Erhabenheit/ Würde
  • bedeutende dt. Odendichter: Klopstock, Hölderlin

1.3 Odenstrophen

  • reimlos
  • Verse nicht alternierend, sondern setzen Hebungen und Senkungen nach strikten Regeln ein
  • in Deutschland Nachbildung antiker Odenstrophen: alkäische, sapphische, asklepiadeische und archilochische Odenstrophe
  • die antiken Odenstrophen wurden von den deutschen Odendichtern nicht immer streng eingehalten, oft wurden Variationen eingebaut
Alkäische
Odenstrophe
  • besteht aus:
    • zwei alkäischen Elfsilbern, die metrisch übereinstimmen, und bei denen vor der 3. Hebung eine Zäsur steht
    • einem Neunsilber
    • einem Zehnsilber
  • Schema:
  • x x´ x x´ x | x´ x x x´ x x´
    x x´ x x´ x | x´ x x x´ x x´
    x x´ x x´ x x´ x x´ x
    x´ x x x´ x x x´ x x´ x
  • Beispiel: Klopstock: "An Fanny"
    Wenn einst ich todt bin, wenn mein Gebein zu Staub'
    Ist eingesunken, wenn du, mein Auge, nun
    Lang' über meines Lebens Schicksal,
    Brechend im Tode, nun ausgewint hast,
Sapphische
Odenstrophe
  • besteht aus:
    • drei sapphischen Elfsilbern (Hendekasyllabi), die metrisch übereinstimmen, und bei denen nach der 3. Hebung eine Doppelsenkung folgt
    • einem Adoneus (Fünfsilber, bestehend aus Daktylus und Trochäus)
  • Schema:
  • x´ x x´ x x´ x x x´ x x´ x
    x´ x x´ x x´ x x x´ x x´ x
    x´ x x´ x x´ x x x´ x x´ x
    x´ x x x´ x
  • Beispiel: August von Platen: "Los des Lyrikers"
    Stets am Stoff klebt unsere Seele, Handlung
    Ist der Welt allmächtiger Puls, und deshalb
    Flötet oftmals tauberem Ohr der hohe
    Lyrische Dichter.
Asklepiadeische
Odenstrophe
  • häufigste Form der asklepiadeischen Odenstrophe besteht aus:
    • zwei kleinen Asklepiadeen (Zwölfsilber), die metrisch übereinstimmen, und in der Mitte einen Hebungsprall haben
    • einem Pherekrateus (Siebensilber, bestehend aus Trochäus, Daktylus und Trochäus)
    • einem Glykoneus (Achtsilber, der gebaut ist wie der Pherekrateus, aber am Ende eine zusätzliche Hebung besitzt)
  • Schema:
  • x´ x x´ x x x´ x´ x x x´ x x´
    x´ x x´ x x x´ x´ x x x´ x x´
    x´ x x´ x x x´ x
    x´ x x´ x x x´ x x´
  • Beispiel: Klopstock: "Der Zürchersee"
    Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht
    Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,
    Das den großen Gedanken
    Deiner Schöpfung noch einmal denkt.
Archilochische
Odenstrophe
  • besteht aus: 2x
    • einem Archilochius (Siebzehnsilber, bestehend aus fünf Daktylen und einem Trochäus am Ende)
    • einem Hemiepes (halber Hexameter)
  • Schema:
  • x´ x x x´ x x x´ x x x´ x x x´ x x x´ x
    x´ x x x´ x x x´
    x´ x x x´ x x x´ x x x´ x x x´ x x x´ x
    x´ x x x´ x x x´
  • Beispiel: Klopstock "An Ebert"
    Ebert, mich scheucht ein trübere Gedanke vom blinkendem Weine
    Tief in die Melancholey!
    Ach du redest umsonst, vordem gewaltiges Kelchglas,
    Heitre Gedanken mir zu!

2. Odenarten und -geschichte

2.1 gesellige Ode

  • liedartige Gesellschaftsgedichte, z.B. Lobgedichte, Traueroden
  • Vertreter der geselligen Ode: Weckherlin mit "Oden und Gesänge" (1618/19)
    • => 4 Unterarten:
    • 1. pindarische Oden (strophische Dreiteilung)
    • 2. höfische Oden (Verherrlichung von fürstlichen und politischen Persönlichkeiten)
    • 3. moralisierende und reflektierende Oden in liedartiger Strophenform
    • 4. gesellige Gesänge (Themen: v.a. Liebe und Wein)

2.2 pindarische Ode

  • höfische Lobgedichte oder Gelegenheitsgedichte (z.B. Hochzeitsoden, Traueroden)
  • erste große Zuwendung zur pindarischen Ode durch Gryphius
  • verschwand als lebendige Kunstform zu Beginn des 18. Jh.s
  • Ansätze zu hohem hymnischen Stil gingen über auf heroische Ode, die an ihre Stelle trat

2.3 heroische Ode

  • höfisch pointierte Huldigung
  • steigernde Analogie zur Antike
  • rhetorisches Pathos in der Verherrlichung der Herrschertugenden
  • Allegorie abstarkter Begriffe
  • Zurücktreten des Dichters
  • glorifizierende Haltung gegenüber dem Regentem

2.4 moralische Ode

  • moralische Reflexionen, z.T. religiös gefärbt
  • wichtige Rolle spielte die Allegorie
  • Vertreter: Hagedorn, Haller, Carl Friedrich Drollinger

2.5 horazische Ode

  • setzt ein mit "Freundschaftlichen Liedern" von Immanueal Jacob Pyra und Samuel Gotthold Lange
  • Oden, die Sieg und Heldentum besingen
  • private Kunstlyrik an Freunde
  • Motive: Heroen, Freundschaft, Liebe, Natur
  • wichtige Rolle der Allegorie und antiken Mythologie
  • Gleim: "Oden nach dem Horaz" (1769)

2.6 enthusiastische Ode

  • Oden Klopstocks
  • Klopstocks Absicht: Herzen erschüttern, mitreißen, durchtränken mit Lust und Schmerz
  • zeichnet sich aus durch Erhabenheit, Feierlichkeit und unmittelbare Leidenschaft
  • => erhabene Poesie in den höchsten, kunstvollsten Formen
  • Motive: Freundschaft, Leidenschaft, Liebe
  • sprachliche Besonderheiten: Abstraktionskraft des Wortes wird entdeckt
  • Gebrauch antiker Mythologie
  • Vertreter: Klopstock, Johann Heinrich Voß, Friedrich Leopold Stollberg
  • z.B. Klopstocks "Zürchersee" (1750)

2.7 elegische Ode

  • enthält Elemente der Tränenstimmung: Mond, Nachtigall, Tauben
  • zentrales Motiv: Sehnsucht
  • Neigung zu sanfter Melancholie, zarter Liebe und sentimentalem Naturgefühl
  • Vertreter: Hölty
  • z.B. Hölty: "Die Maynacht" (1774), "An die Grille", "Auftrag an die Freunde"

2.8 Hölderlins Oden

  • Höhepunkt der deutschen Odendichtung
  • nicht ein Charakter vorherrschend, sondern wechselnde Gestaltung, z.B.
    • dialektische Reflexionsgedichte: "Sokrates und Alkibiades" (1798)
    • Feierlieder: "Tod fürs Vaterland"
    • Ich-Gedichte: "Abendphantasie", "Der Main"
    • Zwiegespräche der Einzelseele mit dem Kosmos
    • Liebesoden: "Abschied"
    • Widmungsoden: "Der Prinzessin von Homburg"
  • Hölderlins Oden geprägt von einem hohen Stil
  • stehen inhaltlich zwischen Klassik und Romantik

3. Odenbeispiele

Hölderlin:
  • alkäische Oden:
    • Abendphantasie
    • An die Parzen
    • An Eduard
    • An eine Fürstin von Dessau
    • An eine Verlobte
    • Dem Sonnengott
    • Der Main
    • Der Tod fürs Vaterland
    • Der Zeitgeist
    • Des Morgens
    • Die Götter
    • Ermunterung
    • Rousseau
  • sapphische Oden:
    • Unter den Alpen gesungen
  • asklepiadeische Oden:
    • Der Abschied
    • Dichtermut
    • Heidelberg
    • Ihre Genesung
    • Sokrates und Alkibiades
Hölty:
  • alkäische Oden:
    • Auftrag
  • sapphische Oden:
    • An die Grille
  • asklepiadeische Oden:
    • Der Kuß
    • Die Liebe
    • Die Mainacht
Klopstock: August von Platen: Johann Heinrich Voß : Josef Weinheber:
  • Ode an die Buchstaben

4. Literatur

  • Viëtor, Karl: Geschichte der deutschen Ode. 2. Aufl. Hildesheim 1961.