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Ballade

Inhalt

1. Balladengeschichte

Zum Begriff der Ballade

Das Wort Ballade ist vom provenzalischen balada aus Frankreich entlehnt, das wiederum dem ital. ballata entstammt und vom lat. Verb ballare 'tanzen' abgeleitet ist. Ursprünglich entsprach die Bezeichnung einem Tanzlied. Die Schwierigkeiten des Begriffs erhöhte sich mit der Aufnahme des Wortes Romanze gegen Ende des 18. Jahrhunderts, das in dieser Zeit von Bürger bis Schiller synonym gebraucht wurde.

Merkmale der Ballade

  • episch-fiktionaler Charakter
  • immer in Versen verfasst
  • meist gereimt und strophisch
  • z. T. refrainartige Bestandteile
  • teleologische Vorgangsstrukturierung
  • Mensch steht im Mittelpunkt
  • auch wo sich wesentlichen Ereignisse sich in der Natur oder des Natur-Dämonischen begeben, sind sie auf den Menschen bezogen
  • Auseinandersetzung des Menschen mit Welt
  • Zusammenwirken lyrischer, epischer und dramatischer Bestandteile, wobei meist ein Element überwiegt
  • lyrische Element durch Verfasstheit in Versen gegeben, hinzu kommt meist noch Strophengliederung und Gereimtheit, sowie klangliche und rhythmische Wirkungsmittel, lyrische Ausrufe, Wiederholungen, Refrains, Naturstimmungen, Verwendung von stimmungstragenden Symbolen, welche die Stimmung der Ballade hervorrufen und unterstreichen
  • muss keine feste strophische oder metrische Form haben, alle metrischen und strophischen Möglichkeiten stehen ihr offen
  • Chevy-Chase-Strophe ("Jagd auf den Cheviotbergen") als eine typische Balladenstrophe, vielfach von Balladendichtern vom 18. bis 20. Jh. verwendet
  • epische Element zeigt sich Anwesenheit des Erzählers
  • Handlung meist um wenige Situationen herumgruppieren
  • spannungshafte, finalistische Struktur eigen
  • Erzählung wird in Ballade oft durch Dialog vergegenwärtigt

Die Anfänge der Balladendichtung - Sturm und Drang

Vorraussetzung für die Herausbildung der deutschen Kunstballade war eine europäische geistige Neuorientierung: der Irrationalismus. Wichtige Einflüsse bekam sie durch die Rezeption der spanischen Kunstromanze v. a. durch Gleim, durch die Bekanntheit mit englisch-schottischen Balladen z. B. in Übersetzungen Herders und durch den Bänkelsang.
Gleim ist der erste gewesen, der durch Rückgriff auf vergangene, volkstümliche oder "niedere" Literaturmuster die hohe Literatur befruchten wollte. Gleim versuchte die Romanze dem heimischen Bänkelsang anzugleichen. Das häufigste Motiv in Gleims Romanzen ist das Wiedergängermotiv. Die ersten Kunstballaden sollten daher Geisterballaden werden.
Anstöße für Entwicklung der Kunstballade sind aus England gekommen: 1760 Macphersons "Ossian" und 1765 Percys "Reliquies of Ancient Poetry" (Sammlung von engl. Volksballaden, Verserzählungen, Liedern und Gedichten ab 15. Jh.). Percys Sammlung löste in Deutschland eine Sammlertätigkeit nach einheimischen Volksliedern aus (Herder, Goethe).
Die ersten Balladen stammen von Hölty: 1771 Ebenteuer und 1773 Die Nonne. Im selben Jahr wie Höltys Nonne entstand darauf Bürgers Lenore. Bürger versucht mit seiner volksmäßigen Literatur alle Volksschichten gleichmäßig anzusprechen. Er gebraucht dabei eine nicht rationale und nicht logische Darstellung, sowie rein rhapsodischen Stil (Lebendigkeit, Unmittelbarkeit, Leidenschaftlichkeit, Volksmäßigkeit). Bürgers Pfarrers Tochter von Taubenhain ist eine Mischung von Gespenstermotiv und Motiv der Kindsmörderin.
Im Jahr 1771 beschäftigte sich auch Goethe mit dem Sammeln von Volksballaden im Elsass. Mit Goethes Fischer 1778 und Erlkönig 1782 begründete er die naturmagische Ballade.

Die klassische Ballade

Um den Abstand zwischen Bildungselite und Volksmassen zu verringern, benötigt es nach Schiller nach einer "Idealisierkunst", die richtige Stoffwahl und höchste Simplizität der Darstellung vereint. Schillers Balladen sind der Versuch, den Abstand zwischen Bildungs- und Massenpublikum durch Rückgang aufs allgemein-menschliche, Klarheit und Einfachheit zu überbrücken.
Die Balladenproduktion der Klassiker im Jahr 1797 waren Werkstatterfindungen. Die klassische Ballade beschränkt sich auf die Arbeiten Schillers und Goethe in den Jahren 1797 und 1798, die in den "Musenalmanach für das Jahr 1798" und "Musenalmanach für das Jahr 1799" veröffentlicht wurden. Im sog. "Balladenjahr" 1797 machten Schiller und Goethe die Ballade zum Gegenstand eines "bewussten Kunstwillens und ästhetischen Experiments". Im "Musenalmanach für das Jahr 1798" erschienen Goethes Der Zauberlehrling, Die Braut von Korinth, Der Gott und die Bajadere sowie Schillers Der Ring des Polykrates, Der Handschuh, Ritter Toggenburg , Der Taucher und die Kraniche des Ibykus. Im "Musenalmanach für das Jahr 1799" erschienen Schillers Der Kampf mit dem Drachen und Die Bürgschaft.
Schillers Balladenproduktion fällt ganz in die klassische Phase, während sich Goethes Balladenproduktion über seine gesamte Schaffensperiode erstreckt. Die klassische Ballade hält Distanz zur volkstümlichen-germanischen, antik-klassischen, christlich-mittelalterlichen und orientalischen Welt.

Goethes Balladen

Goethes Balladen lassen sich nicht unter einen einheitlichen Gesichtspunkt bringen, da sich seine Balladenproduktion über sein gesamtes Leben erstreckt und thematisch wie formal breit gestreut ist. Das Merkmal seiner klassische Balladen ist eine humanistisch-ideelle Thematik. Seine Balladen tragen magische, mythische und religiöse Momente (z. B. Anrufung von Dämonen, Erlösungsgedanke).

Die Ballade bei Schiller

Schillers Balladen zielen auf eine "Veredlung" der Gattung ab. Anstelle des Allegorischen tritt das Parabolische, die Versinnlichung des Ideals in dargestellter Handlung. Schillers Balladen sind der Versuch das Ideal zu versinnlichen und das Allgemeine zu einem besonderen Fall zu verdichten. Dabei stellt er das Humanitätsideal dar. Der Stoff ist für Schiller sekundär, dieser hat sich der Idee zu unterwerfen.

Merkmale der Balladen Schillers:
  • sittliche Dialektik
  • Menschlichkeitspathos, in Konfrontationen der Balladenhelden mit Untermenschlichem, Trieben, Meeresungeheuern oder z. B. Naturgewalten in der Bürgschaft
  • Schillers Balladen keine Schicksalsballaden: Schillers Intension ist es nicht zu zeigen, dass der Mensch das Schicksal, dem er physisch unterliegt, geistig, sinnlich überwinden kann
  • Verknüpfung verschiedener Handlungsebenen
  • spannungserzeugende Parallelführung von erzählter und verschwiegener Handlung in der Bürgschaft => raffender Lakonismus
  • Einlegung von ausgedehnten Berichten der handelnden Figuren (im Taucher und im Kampf mit dem Drachen)
  • Prinzip der Dreizahl: Verdreifachung von Motiven (in Bürgschaft und Ring des Polykrates)
  • Dramaturgie der Grenzsituationen gesteuert, Helden werden mit extremen Aufgaben und Entscheidungen konfrontiert und müssen ihre Freiheit bewähren
  • idealistisches Aktionsethos: aus der Idee kann ohne Tat nichts werden, aber menschliches Handeln zur reinen Tat ihrer selbst willen droht zu entleeren

Die Ballade der Romantik

Die Balladen der Frühromantik waren meist allegorisch-mystische Naturballaden, so Schlegels Romanze vom Licht oder Tiecks Das Wasser. Wichtig für die Frühromantiker war die Betonung des Volkstümlichen. Stärkere Impulse zu volkstümlichen Dichtung erhielt die Ballade durch die Heidelberger Romantiker. Hier wirkten v. a. Arnim und Brentano mit ihrer Sammlung Des Knaben Wunderhorn. Diese hatte auch den Zweck, den Abstand zwischen Bildungsbürgertum und Ungebildeten zu verringern, hinzu kam jetzt jedoch das nationale Element. Die wichtigsten Balladendichter der Romantik waren Brentano, Eichendorff, Uhland, Mörike (Die Geister am Mummelsee, Der Feuerreiter) und Kerner.
Die Balladen der Romantiker unterscheiden sich von denen der Klassiker in der Form deutlich: während Schillers Balladen in ihrem Aufbau verschieden zueinander waren, glichen die Balladen der Romantiker den Volksballaden, durch scheinbar kunstlose Reihung von Strophen, z. T. mit refrainartigen Bestandteilen und einer schlichten Sprache. Die Handlung ist jetzt ganz in Stimmung aufgelöst. Die Helden der Ballade sind nicht mehr aktiv-handelnd, wie noch bei Schiller, sondern den Kräften der Umwelt, besonders den Naturkräften willenlos hingegeben, z. B. Brentanos Loreley.
Wichtige Balladenarten der Romantik sind: naturmagische Ballade, Legendenballade und historische Ballade.

Die Ballade des Biedermeier

Anstelle des Irrealismus des Sturm und Drangs oder des ideellen Gehaltes der Klassik, tritt im Biedermeier eine abgemilderte Rationalität der Aufklärung hervor. Rational sind die Balladen des Biedermeier dadurch, da sie keine Sprünge darstellen, keine volkstümliche Sprache verwenden oder durch Rhetorik und Pathos wirken wollen. Deshalb kommt im Biedermeier auch eine Tendenz zur Episierung anstelle von Dramatik in den Balladen zum Ausdruck. Die Balladen des Biedermeier unterteilt man allgemein in zwei Gruppen: die eine, die zur Rührung anregen soll, und die andere, die einen Schauer auslösen soll. Auffallend ist auch, dass Naturgeister und Dämonen vermenschlicht werden, das dabei am häufigsten verwendete Mittel ist der Humor.
Die wichtigsten Balladendichter des Biedermeier waren Chamisso, Hebbel und Schwab.

Balladendichtung im "Tunnel über der Spree"

Wichtig für die Balladenproduktion um die Mitte des 19. Jh.s ist der Berliner literarische Verein "Tunnel über der Spree", der 1827 gegründet wurde. Ihre bekanntesten Mitglieder waren Strachwitz, Fontane und Scherenberg.
Zum Vorbild wurden Uhlands Geschichtsballaden. Die Literatur des bürgerlichen Biedermeiers wurde abgelehnt. Daher bemühte man sich auch wieder, die Dramatik in den Balladen zu erhalten, und nicht mehr der Erzählung Vorrang zu geben. Hinsichtlich der Form verwendeten sie häufig die Chevy-Chase-Strophe. Scherenbergs Stoffe entnahm er nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Gegenwart. Fontane wendet sich den Stoffen der englischen Geschichte zu, so z. B. im Archibald Douglas (1854).

Heine, Droste, C. F. Meyer, Liliencron, der späte Fontane

Während sich der größte Teil der Balladendichter zu größeren Gruppen zuordnen lässt, muss man Heine, Droste, Meyer, Liliencron und den späten Fontane für sich betrachten. Hier versagt jede literaturgeschichtliche Zuordnung, denn diese Dichter legten sich auf keine bestimmte Balladentradition fest.
Das Balladenwerk der Droste bildet mit ihrem anderen lyrischen Werk eine Einheit. In ihrer Lyrik und ihren Balladen drückt sich die Unverwechselbarkeit ihres persönlichen Stils aus: Einheitlichkeit der Balladen, dramatischer Stil, Verlebendigung der Naturbeschreibungen und Genauigkeit ihrer Naturbeobachtung. Bekannte Balladen der Droste sind z. B. Der Knabe im Moor, Fundator, Der Graue, Der Schloßelf und Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Köln.
Heines Balladen sind in ihren Stoffen und Formen sehr verschieden. Seine Stoffe nahm er dabei meist aus der Gegenwart. Zu Heines bekanntesten Balladen gehören: Die Grenadiere, Belsazar und Die schlesischen Weber. Mit dem letztgenannten wendete sich Heine einem sozialen Thema zu.
C. F. Meyer legte besonderen Wert auf ein hohes künstlerisches Bewusstsein. Er gehört zur klassizistischen Richtung des 19. Jahrhunderts. Geschlossenheit der Form, hoher sprachlicher Ausdruck und metrische Form standen im Mittelpunkt. Bekannte Balladen Meyers sind: Die Füße im Feuer, Napoleon im Kreml, Der Pilger und die Sarazenin und die Bettlerballade.

Die Ballade im 20. Jahrhundert

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand ein Rückgriff auf die Anfänge der Kunstballade und auf den Göttinger Hainbund, von einem Kreis von Studenten der sich in Göttingen um Börries von Münchhausen bildete, statt. Es entstanden mehrere Musenalmanache.
Sozialkritische Elemente in Balladen des 20. Jahrhunderts findet man z. B. bei Wedekind, Tucholsky, Kästner und Brecht.
Brecht wird zum Schöpfer der politischen Ballade durch Sozialkritik (Ballade von der Kindsmörderin Marie Farrar, Legende vom toten Soldaten) und die Auseinandersetzung mit der aktuellen politischen Entwicklung (Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration).
Der Höhepunkt der Kabarettballade wurde schon vor dem Ersten Weltkrieg mit Wedekind und Mehring erreicht.
Vertreter moderner Balladen sind beispielsweise Biermann, Hacks und Grass.

2. Balladenarten

Volksballade:
Sie ist anonym verfasst. Die Volksballade ist ein episch, strophisch, mit Endreimen versehenes Gedicht. Sie gehört zur Gattung des Volksliedes. Sie ist mündlich tradiert, dadurch kommt es häufig zu Auftreten in vielen Varianten. Die Volksballadenstoffe überwinden Sprach- und Kulturgrenzen. Sie enthalten immer einen Kern von menschlichen Konflikten. Einfache Syntax und Parataxe herrschen meist vor. Sie wurde in breiten Schichten rezipiert und hatte ihren Höhepunkt im 15. und 16. Jahrhundert.

Kunstballade:
Die Kunstballade wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch Hölty und Bürger begründet. Sie ist Produkt eines individuellen Kunstwillens. Vorbilder waren: Macphersons Bardensänge des Ossian und Percys Sammlung alter Volksdichtungen: Reliquies of Ancient Poetry.

Eine geschlossene, allumfassende Systematik der Balladen zu finden wird wohl kaum gelingen, denn viele Balladen lassen sich unter verschiedenen Gesichtspunkten interpretieren und lassen sich so verschiedenen Balladenarten zuordnen.

Numinose Ballade:
Numinos meint 'göttlich', 'heilig', 'einen Schauer erregend' bzw. 'überwirklich'. In numinosen Balladen finden Begegnung des Menschen mit übermenschlichen Wesen und Mächten statt, die in sein Schicksal eingreifen.

  • Naturmagische Ballade:
    Voraussetzung für die naturmagische Ballade ist eine irrationale Weltanschauung. Die Kräfte in der Natur, die für den Menschen unerforschlich sind, bedrohen oder helfen ihm. Sie spiegeln die Angst und die Abhängigkeit des Menschen. In naturmagischen Kunstballaden werden die Menschen nicht mehr mit Namen, wie in der Volksballade angeführt, sondern hier haben wir z. B. einen Fischer, oder einen Vater mit seinem Kind. Diese Balladenart fand v. a. im Sturm und Drang Anwendung, in der Romantik wurde sie fortgeführt. Das Interesse an naturmagische Balladen nahm ab, als sich die Literatur am Positivismus (philosophische Lehre, die nur auf Gegebenen und Tatsächlichem beruht) orientierte, ca. ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

  • Totenmagische Ballade:
    In der totenmagischen Ballade finden Begegnungen mit Toten statt, häufig taucht das Wiedergängermotiv auf. Zu diesen Balladen zählen auch Gespenster- und Geisterballaden. Totenmagie bedeutet im Unterschied zur Naturmagie eine gefühlte Beziehung zwischen Lebenden und Toten. Die Toten werden zum Träger numinoser Kräfte, z. B. am Schluss der Pfarrers Tochter von Taubenhain, um bei Menschen einen Schauer zu erregen. Das Wiedergängermotiv trat v. a. in Volksballaden sehr häufig auf. Das Motiv des Totenritts hingegen war in den Kunstballaden sehr häufig, z. B. Goethes Braut von Korinth. Auch die totenmagische Ballade tritt gegen Mitte des 19. Jahrhunderts wie die naturmagische Ballade zurück. Es gab auch Versuche, die Geisterballade zu ironisieren, z. B. bei Goethes Totentanz. Das Wiedergängermotiv taucht in Balladen des Sturm und Drang und Romantik sehr häufig auf, es spielt aber auch in Balladen nach dem 1. Weltkrieg eine wichtige Rolle, die für Pazifismus eintreten sollten, so beispielsweise auch in Brechts Legende vom toten Soldaten.

  • Schicksalsballade:
    Im Zentrum dieser Balladenart steht das unverstehbare Wirken außermenschlicher Kräfte, die unpersönlich und abstrakt gesehen als Schicksal handeln. Das Schicksal wird als Werkzeug einer höheren Weltordnung gesehen. Die Schicksalsballade ist zur numinosen Ballade zuzuordnen, da der Glaube an ein Schicksal auch eine religiöse Beziehung voraussetzt. Die Schicksalsballade zeigt den Menschen die Übermacht des unentrinnbar und geheimnisvollen Schicksals. Es werden zwischen drei Arten unterschieden: das Schicksal als unergründliche Gegebenheit; das Schicksal als göttliche Vorsehung und die Herausforderung des Schicksals und der Götter und Bestrafung des Frevlers, z. B. Schillers Taucher. Das Schicksal tritt meist selbst als Nemesis (Rache) auf, z. B. in den Kranichen des Ibykus von Schiller werden die Kraniche zu Rachegeistern.

Legendenhafte Ballade:
Sie ist von christlichen Elementen geprägt und nimmt eine christliche Haltung zur Welt ein. Die Figuren sind gelassen, im Erdulden standhaft, opferwillig, demütig gegenüber dem Göttlichem, zeigen Hingabe und Hilfsbereitschaft oder führen ein märtyrerhaftes Leiden. Eine spezielle Form der legendenhaften Ballade ist die Märtyrerballade, z. B. Bürger: Sanct Stephan (1777).

Historische Ballade:
Das Historische besitzt bei diesen Balladen nicht nur Stimmungswert, sondern ist die eigentliche Substanz des Gedichtes. Historische Kunstballaden des 18. und 19. Jahrhunderts wurden aus historischer Distanz geschrieben. Meist wurde auf mittelalterliche Themen zurückgegriffen.

  • Ritterballade:
    Im Mittelpunkt stehen Ritterfiguren. Die erste Ritterballaden wurden von Stolberg und Fouque geschrieben.

  • Historische Anekdotenballade:
    Die Anekdote dient dazu, Erinnerungen an eine bestimmte historische Persönlichkeit zu bewahren, z. B. Heinrich der Vogler von Johann Nepomuk Vogl.

  • Ortssagenballade:
    Sie dient der historischen Erinnerung. Meist ist Wiedergängermotiv mit einem historischen Ereignis verknüpft, das an einen bestimmten Ort gebunden ist, z. B. Wilhelm Müllers Der Glockenguß zu Breslau. Ironisierung der Ortssagenballade gab es z. B. bei Heines Schelm von Bergen.

  • Kulturhistorische Ballade (nationale Ballade):
    Sie dient der Erhellung und Darstellung des Volksgeistes der verschiedenen Völker, z. B. bei Uhland, der sich an Herders Stimmen der Völker in Liedern orientiert.

  • Historische Schicksalsballade:
    Die Vorstellung der Abhängigkeit des Individuums von den Mächten des Schicksals wurde übertragen auf die Interpretation und die Vorstellung vom Ablauf und Sinn der Geschichte. Der erste Balladendichter, der den Schicksalsbegriff auf die Geschichte übertrug, war Platen.

Exempelballade:
Beliebige geschichtliche Stoffe dienen dazu, einen allgemeinen Gedanken zu exemplifizieren, und nicht die Geschichte zu vergegenwärtigen. Sie ist daher ahistorisch. Balladen dieser Art wären z. B. Balladen der deutschen Klassik.

Ideenballade:
Die Ideenballade wurde von Schillers und Goethe in den Jahren 1797 und 1798 entwickelt. In ihrem Aufbau ist sie nicht in einem volksliedhaften Stil, sondern ist in Strophenform, Metrum und Sprache äußerst kunstvoll gehalten. Sie stellen den Versuch dar, das Ideal zu versinnlichen und das Allgemeine zu einem besonderen Fall zu verdichten. In ihnen zeigt sich die Darstellung des Humanitätsideals. Der Antrieb des Helden ist ein ideeller. Die Balladen diesen Typs stehen im Dienst der ästhetischen Erziehung des Menschen. Die Personen sind nur um der Idee willen da, und sich als Individuen derselben ihr zu subordinieren. Die bekanntesten Ideenballaden sind Die Kraniche des Ibykus, Der Kampf mit dem Drachen und Die Bürgschaft von Schiller.

Heldenballade:
Die Heldenballade stellt eine Mischung aus Exempel- und Ideenballade dar. Bestimmte Werte und Eigenschaften wurden hervorgehoben. Die Geschichte war nur Schauplatz des Heldentums.

Soziale Ballade:
Sie greift soziale Themen und Motive der Zeit auf. Eine soziale Anklage war dem Stoff immanent. Bürger greift z. B. in Des Pfarrers Tochter von Taubenhain auf ein wichtigstes soziales Motiv im Sturm und Drang, das Motiv der Kindsmörderin, auf. Die sozialen Balladen bei Heine zeigen die mit fortschreitender Industrialisierung erhöhten sozialen Gegensätze, wie z. B. Die Weber.

Politische Ballade:
Sie setzt sich mit aktuellen politischen Ereignissen auseinander, z. B. Brechts Legende vom toten Soldaten.

Kabarettballade:
Die Ballade wird nicht mehr als absolute Kunst gesehen, die unabhängig von einem konkreten Publikum Ewigkeitsanspruch besitzt. Sie wurde in Kabaretts aufgeführt, meist in Begeleitung von Mimik, Gestik, Musik und Kostümen. Ihre wichtigsten Vertreter sind Wedekind und Mehring.

3. Literatur

  • Hinck, Walter: Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht, 3. Aufl., Göttingen 1978
  • Kayser, Wolfgang: Geschichte der deutschen Ballade, 1936 Berlin
  • Mecklenburg Norbert: Balladen der Klassik, In: Deutsche Literatur zur Zeit der Klassik, Hrsg. Otto Conrady, Stuttgart 1977
  • Müller-Seidel: Balladenforschung, 1980 Königstein
  • Stenzel, Jürgen: Über die ästhetische Erziehung eines Tyrannen., Zu Schillers Ballade Die Bürgschaft, In: Gedichte und Interpretationen, Bd. 3 Klassik und Romantik, Hrsg. Wulf Segebrecht, Stuttgart
  • Weißert, Gottfried: Ballade, 2. Aufl., 1993 Stuttgart, Sammlung Metzler Bd. 192

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